My time in Tanzania 23

04.02.2020
Abschied von Loliondo

Nach dem Frühstück, für das Juliana uns die leckeren, statt der einfachen Chapati gebacken hat (die zweimal in Öl gebraten werden!), suche ich Lighty auf dem Hof, denn ich hab noch ein bisschen Kleidung, die ich gerne gewaschen haben möchte. Statt Lighty entdecke ich zwei Hennen, die beide kleine Küken haben. Ich sehe sie zum ersten Mal und finde ein kleines flauschig-gelbes besonders entzückend. Pat und Rúben kommen hinzu, sie ermuntern mich und es ist nicht schwer, da habe ich das kleine, flauschige Etwas in meiner Hand. Das Küken scheint keine Angst zu haben, sondern genießt die Streicheleinheiten, die es von mir, Pat und Rúben bekommt.

Ein Küken namens Lili

Ich beschließe, dem Küken den Namen Lili zu geben und beschwöre Juliana und Baraka, Lili auf keinen Fall in den Topf zu stecken, sondern ihr ein langes Leben als Henne zu ermöglichen. Sie lachen beide und ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht auslachen.

Letzter Schultag (für mich 😔). Da ich gestern in Klasse 2 war, führt mich heute mein Weg in Klasse 1 zu Jenipher. Sie freuen sich über meinen Besuch und auch hier singen mir die Kinder erstmal einige Lieder.

Mathe ist dran und ich stelle fasziniert fest, wie sicher die Kinder den Zahlenraum von 1 bis 100 in Englisch sowohl sprechen als auch schreiben können. Und das Schuljahr hat erst im Januar begonnen! Gut, die Kinder haben schon in der Baby-Class/Pre-Class sowohl Zahlen als auch Buchstaben auf Englisch gelernt. Trotzdem ist das Wissen dieser Fünf- bis Sechsjährigen absolut erstaunlich! Deutsche Kinder können am Ende der ersten Klasse im Zahlenraum von 1 bis 20 addieren und subtrahieren. Die Kinder der Bright School erreichen weitaus höhere Lernziele und das in einer Fremdsprache.

Eine kleine Anmerkung zu Jeniphers Englisch: Ich würde es mal afrikanisches Englisch nennen.
Pat hat oft bemerkt, dass hier sogar in den Schulbüchern gravierende Fehler sind, ganz abgesehen von den Sprachfertigkeiten der Lehrer. Aber dieses Englisch erfüllt seinen Zweck und ich finde, darauf kommt es erstmal an.

Die Lernmethoden hier habe ich ja schon bei meinen Unterrichtsbesuchen in der zweiten Klasse kennengelernt. Heute erlebe ich sie erneut in der ersten Klasse. Jenipher schreibt eine Aufgabe an die Tafel und erläutert dabei, was sie tut. Dann lässt sie die Kinder das Gesagte mehrfach wiederholen. Und so gut wie alle antworten. Dann erklärt sie, wie die Zahlen zusammenzuzählen sind. Erneut lässt sie die Kinder immer wieder im Chor wiederholen. Dann werden Aufgaben angeschrieben, die einzelne Kinder an der Tafel vorrechnen müssen. Und so gut wie alle sind dabei fehlerfrei. Das stelle ich auch fest, als ich die Aufgaben kontrolliere, die die Kinder in ihren Heften rechnen müssen. Nur ganz vereinzelt ein paar Fehler, das finde ich schon mehr als erstaunlich!

Es gibt noch etwas, was mich absolut begeistert. Vielleicht habt ihr es in den Videos gehört und gesehen. Wenn ein Kind eine Aufgabe richtig gerechnet hat, dann wird es von allen enthusiastisch gelobt. Das Lob tut sichtbar gut: es macht Mut, stärkt das Selbstbewusstsein und auch den Zusammenhalt in der Klasse!

Stichwort Sozialverhalten. In den ganzen vier Wochen habe ich nicht einen einzigen Streit mitbekommen. Die Kinder hier sind fröhlich, offen, hilfsbereit, friedlich miteinander und fantasievoll, wenn es darum geht, sich zu beschäftigen. Sie haben eigentlich fast nichts – gemessen an unseren Ansprüchen. Kaum Spielzeug, wenig und teilweise nur kaputte Kleidung, kein reichhaltiges oder abwechslungsreiches Essen, die Boardingschüler sehen ihre Eltern und Geschwister nur in den Ferien, sie leben auf engem Raum mit vielen anderen und haben so gut wie keine Privatsphäre. Ihr Eigentum befindet sich in rostigen, zerbeulten Blechkisten – zwei davon hatten wir uns mal angeschaut:

In dieser ist warme Kleidung ..
… in dieser Essen, Getränke, Papiere ..

So wenig! Und dann sind die Kinder unglaublich stark und abgehärtet. Sie schleppen volle 10-Liter-Wassereimer oder einen schweren Beutel einen Berg hinauf (wie Cecilia bei unserem Weg zu den Massai). Sie spielen im Matsch und laufen teils ohne Socken oder mit nassen Schuhen herum.

Wie so sehr unterschiedlich zu dem, wie Kinder in Deutschland und der westlichen Welt aufwachsen. Aber wie fröhlich und ausgeglichen sind die Kinder hier, wie zufrieden mit dem, was sie haben! Wohin man schaut, nur lächelnde Gesichter. Keiner muffelt, stänkert, ist aggressiv oder sonst irgendwie auffällig. Und alle haben Lust auf Lernen!

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht und mich gefragt, woran es liegen kann. Was fehlt unseren Kindern, um so zufrieden sein zu können? Tun wir nicht alles, um sie glücklich zu machen? Wir werden Helikopter-Eltern genannt, weil sich alles um unsere Kinder dreht. Eines unserer Lebensziele ist, ihnen eine perfekte Kindheit zu bereiten, damit sie im Leben die allerbesten Chancen haben. Das wollen die Eltern der Kinder an der Bright School und überall in Afrika auch. Aber die Kinder wachsen nicht so behütet, verwöhnt und perfekt ausgestattet auf. Ihnen wird schon früh etwas abverlangt, die Lebensumstände sind alles andere als komfortabel und sicher, sondern nach unseren Maßstäben hart und entbehrungsreich. Ich kann keine belegbaren Rückschlüsse ziehen. Aber deutlich wird mir, dass dieses einfache und auch harte Leben hier den Kindern nicht die Fähigkeit nimmt, fröhlich und zufrieden zu sein. Wie wunderbar!

Vielleicht aber liegt es ja auch an einem bestimmten Gen oder an der vielen Sonne, die den Menschen eine positivere Grundstimmung schenkt. Dann bleibt das Fazit, dass die Afrikaner zumindest damit einfach Glück gehabt haben 🙂

Zurück zu meiner ersten Klasse. Die Kinder haben viel gearbeitet. Fast anderthalb Stunden sind schon vergangen und man merkt, dass die Konzentration ein bisschen nachlässt. Einen Kleinen hat die Müdigkeit völlig niedergestreckt:

Baraka schläft den Schlaf der Gerechten 🙂

Jenipher erkennt, was jetzt nötig ist und scheucht alle an die frische Luft. Nun wird gespielt und ein bisschen Sport gemacht. Zuerst ein Kreisspiel, bei dem ein Kind in der Mitte steht und Fragen ruft und die übrigen Kinder aufpassen müssen, dass sie sich nicht zur falschen Zeit bewegen, da sie sonst ausscheiden. Dann machen alle Kniebeugen, lassen ihre Arme kreisen, stehen abwechselnd auf dem einen und dem anderen Bein und quietschen laut, wenn sie dabei fast umfallen. Zu guter Letzt gibt es einen Wettlauf ziwschen Mädchen und Jungen, den tatsächlich die meisten Mädchen gewinnen, selbst eines in Gummistiefeln!

Es ist inzwischen halb eins und Zeit für den School Lunch. Vor dem Sekretariat haben sich ein paar Kinder versammelt und helfen Sophie, Pat und Rúben beim Flaschen füllen. Nach und nach kommen immer mehr Kids dazu und wir beginnen schon einmal mit der ersten Reihe von Abschiedsfotos.

Moses und Zenathi
Lehrer Rickson will unbedingt auch auf’s Foto!

Jetzt, in der Mittagspause treffe ich übrigens Joyce. Wie immer strahlt sie über das ganze Gesicht, als sie mich sieht. Ich nehme sie zur Begrüßung in den Arm und sage ihr, dass ich heute den letzten Tag da bin. Völlig erschrocken schaut sie mich einen Moment an, dann löst sie sich und läuft in ihren Klassenraum. Ich schaue nach ihr und da steht sie, mit Tränen in den Augen. Mein Herz zieht sich zusammen und vorsichtig sage ich ihr, dass wir uns ja nachher noch sehen, bei der Healthcare Class. Und dass ich sie sehr vermissen werde. Aber es scheint nicht viel zu helfen…

Unseren Lunch nehmen wir zu Hause ein. Eine kleine Zwischenstory: Ihr erinnert euch noch an meine gescheiterten Versuche, Geld aus dem Geldautomaten zu bekommen?! Während wir Reis, Bohnen, leckerste Suppe, Kartoffeln, Kochbananen und Fleisch essen, holt in Hannover mein Mann seine Kontoauszüge von der Bank, fällt fast in Ohnmacht und ruft umgehend bei mir an. Bei jedem meiner insgesamt acht Versuche mit der Sparkassen Mastercard an den beiden ATM wurden 161 € und ein paar Cent abgebucht! Macht eine stolze Summe von knapp 1.300 €! Wow! Was für eine Frechheit! Ich beruhige ihn insoweit, als dass ich ja genau weiß, KEIN Geld erhalten zu haben und dass daher auch sicher alles aufgeklärt und rückgängig gemacht werden kann. Aber erstmal muss er telefonieren und widersprechen und hat nur Scherereien damit. Bei meiner nächsten Reise wird mir das nicht mehr passieren, dafür werde ich sorgen!

Wir müssen uns beeilen, zurück zur Schule zu kommen, denn zum Schulschluss um 15 Uhr wollen wir mit allen Kindern und Lehrern ein großes Abschiedsfoto machen. Und im Anschluss soll noch unsere Healthcare Class stattfinden. Und dann! sind wir mit Modesti verabredet, der uns mit zu seiner Familie nehmen wird. Denn diesen Besuch wollen wir heute noch unbedingt machen. Versprochen ist versprochen. Vor dem Haus hält uns aber noch kurz eine Massai auf, die Schmuck verkaufen möchte. Und auch sie macht Geschäfte! Wir kaufen ihr Armbänder ab – eines passt perfekt zu meinem Kleid 🙂

Zurück in der Schule übernehmen Juliana und Dennis das Kommando. Auf jeden Fall soll der Schulbus auf das Foto, damit man den Schulnamen lesen kann. Also, ein Teil der Schüler wird in den Bus geschickt – sie solllen aus den Fenstern schauen. Wir Volunteers stellen uns davor und dann geht es der Größe nach.

Dennis baut mit einem Stativ seine Kamera auf und es dauert gute 15 Minuten, bis sich endlich alle vor dem Bus versammelt haben. Dessen Schriftzug man übrigens – welch Wunder 🙂 – dann nicht mehr lesen kann.

Was für ein Gewusel…

Ich bin von Fabiola, Jesca, Daima und Joyce umringt. Wir halten uns alle fest umarmt und stehen so die ganze Zeit, bis das letzte Foto geschossen ist. Was für ein Gefühl, so viel Liebe geschenkt zu bekommen.

Bright English Medium School Loliondo

Auch von den Lehrern werden Gruppenfotos gemacht. Und ich mache noch einzelne Fotos von allen Lehrern, so dass wir erst um 15:45 Uhr mit unserer Healthcare Class beginnen.

Baraka, Israel, Paschal, Juliana, Mr. Rasto (der Schulleiter), Rickson, Mr. Mushi, Jenipher, Happyness, …, …, Amani, Johnson, …, Judith, Zaida, Beatrice

Auch da werden erstmal Fotos gemacht, bevor die Stunde losgeht und wir zum Thema kommen.

Die Binden müssen mit auf’s Foto 🙂

Wie immer wiederholen wir zunächst das Thema der letzten – und vorletzten – Stunde (auch wenn die Erinnerung daran etwas schwer fällt, so viel Zeit ist ja vergangen). Und dann kommen wir darauf zu sprechen, wie sich die Mädchen vor frühzeitigen Schwangerschaften schützen können.

Wir wissen, dass es bei den Massai eine Tradition für Mädchen und Jungen gibt, wenn sie in die Pubertät kommen. Dann finden spezielle Feste für diese Heranwachsenden statt und die Mädchen werden von ihren Müttern dahin geschickt, damit sie mit den Jungen „spielen“. Was nichts anderes bedeutet, als dass sie miteinander schlafen sollen. Diese Feste finden nicht ständig statt, sondern in jeder Massai Gemeinschaft alle paar Jahre, quasi wenn es genug Jugendliche gibt. Denn anders als in den meisten Kulturen gilt Jungfräulichkeit nicht als erstrebenswert, sondern im Gegenteil: Wenn eine Frau noch Jungfrau ist und sie heiraten soll, dann muss sie vor der Hochzeit erst entjungfert werden. Und da dies auf gar keinen Fall ihr zukünftiger Mann tut, muss dann zum Beispiel ein Kumpel von diesem ran, um die Frau für die Ehe „vorzubereiten“. Wie krass…

Und hier sitzen jetzt Mädchen vor uns, von denen viele Massai sind. Die ältesten sind 13 Jahre alt. Bei einigen hat schon die Menstruation eingesetzt. Zunächst halten wir eine Grundsatzrede. Ich beginne und werde unterstützt von Pat und Sophie. Das Wichtigste sei, dass sie ihre Schulausbildung beenden und ein Studium, eine Ausbildung machen, um später ein gutes, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Und das geht nur, wenn man noch keine Kinder hat. Erst Ausbildung, dann Job, dann Familie – das wiederholen wir immer wieder und lassen es wiederholen, wie wir es hier gelernt haben. Are we together??!!! Ich versuche ihnen weiter zu vermitteln, dass sie über ihren Körper selber bestimmen können. Dass sie auf ihr Bauchgefühl hören sollen. Und immer NEIN sagen können, wenn sie NEIN spüren. Ob jemand von ihnen schon schlechte Erfahrungen mit Jungen gemacht habe, möchten wir wissen. Verlegenes Schweigen. Pat setzt nach, Jungen wollen immer nur das eine! Vergesst das nicht! Aber ihr lasst euch darauf nicht ein, are we together??!!

Bis jetzt ist die Kommunikation eher Lehrerlastig. Aber bei der Frage „Any other questions?“ kommen wir schnell auf das Thema Menstruation. Die Mädchen wissen schon einiges, aber eine genaue Vorstellung vom Zyklus der Frau haben sie nicht. (Meine) Jesca ist couragiert und stellt eine ganze Reihe Fragen. Sophie, unsere angehende Ärztin, malt ein Tafelbild und erläutert es ausführlich, so dass wir schon den Eindruck haben, dass wir den Mädchen nützliches Wissen vermitteln und ihnen damit hoffentlich helfen konnten.

Die Stunde ist um und ich fühle, dass ich mich bedanken und ihnen, diesen tollen jungen Menschen, noch ein bisschen was auf den Weg geben möchte. So sage ich einfach, was mir gerade in den Sinn kommt. Dass ich mich sehr beschenkt fühle durch all diese Begegnungen mit diesen tollen Kindern und Erwachsenen. Dass mich die Freundlichkeit und Offenheit, mit der wir hier willkommen geheißen wurden, sehr berührt hat. Dass ich wichtige Erfahrungen gemacht habe und diese Einfluss auf mein weiteres Leben haben werden. Und dass ich mich weiter dafür einsetzen werde, der Schule zu helfen. Denn diese Schule leistet hervorragende Arbeit. Und die Mädchen müssten mir versprechen, dass sie ihre Ausbildung hier und an den weiterführenden Schulen fortsetzen werden. Dass sie danach streben, einen guten Beruf zu bekommen. Und ich wünsche ihnen, dass sie ein glückliches Leben führen werden.

Ich bin eben fertig mit meinen Worten, da steht Jesca auf und bedankt sich ebenfalls bei mir und den anderen. Sie wünsche uns alles Gute für unser weiteres Leben, für unsere Familien. Wir freuen uns und sammeln alle noch einmal um uns für ein weiteres Abschiedsfoto.

Ein gemeinsames Abschlussfoto – beachtet das Tafelbild (..und die Binden)!
Ganz links Joyce, Jesca ist die fünfte von links und an meiner Schulter Fabiola

Und dann, wir stehen noch vor der Tafel zusammen, ergreift Jesca noch einmal das Wort. Sie möchte mir, Ulli, besonders danken, dass ich sie und die anderen mit zur Kiche genommen hätte. Sie würden immer noch daran denken und es nicht vergessen. Und sie möchte gerne für mich beten. Damit es mir und meiner Familie immer gut geht. Beatrice schlägt vor, dass alle Mädchen ein Gebet für uns sprechen. Und so stehen wir da im Klassenraum dicht beieinander, die Mädchen nehmen die Hände vor das Gesicht und beginnen leise murmelnd bestimmt zwei Minuten zu beten. Über uns legt sich so etwas wie eine heilige Stille, die uns miteinander verbindet. Mein Herz droht zu zerspringen und auch ich schlage die Hände vor das Gesicht, bete für diese wundervollen Menschen und kann meine Tränen nicht aufhalten. Mein tiefster Moment in Afrika.

Das sehen die Mädchen und wir liegen uns alle im Arm, drücken uns, mit manchen so fest, als wollten wir uns nie mehr loslassen, und wünschen uns allen noch einmal Gottes Segen und ein gutes Leben. Dann gibt es noch eine extra Verabschiedung von Beatrice und – das ist mir das Allerwichtigste – von Joyce, der nicht zum Lächeln zumute ist. Ich will ihr keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann. Aber ich wünsche mir schon jetzt, irgendwann wiederzukommen und zu sehen, wie sich alles weiterentwickelt hat.

Baraka sollte uns jetzt eigentlich zurückfahren, denn Modesti und seine Eltern warten ja auf uns. Aber er meint, er müsse noch ganz dringend nach Wasso, weil er unbedingt für mich etwas besorgen wolle. Und er würde nur 20 Minuten brauchen. Modesti wisse schon Bescheid, dass wir etwas später kommen. Nun, dann können wir ja noch am Wassertank weiterarbeiten, ok.

Das tue ich auch für eine Weile, ziehe mich dann aber zurück und gehe noch einmal bewusst über das Schulgelände, schaue mir die Baustelle für das Dormitory an, an der in den letzten Tagen noch fleißig weitergearbeitet wurde, und nehme für mich persönlich Abschied von dieser unglaublichen Zeit.

Baraka braucht die afrikanischesten 20 Minuten, die ich in der ganzen Zeit erlebt habe. Nach sage und schreibe zwei Stunden ist er endlich wieder da. Ich befürchte, dass der Besuch bei Modesti flach fällt, so spät wie es jetzt ist. Vor allem, als zu Hause Baraka erst noch einmal verschwindet und wir etwas unschlüssig herumsitzen und nicht wissen, was tun. Naja, uns fällt doch etwas ein, nämlich weiter Fotos machen 🙂

Zenathi wird mal Fotomodell!
Der Pullover ist übrigens mit dem Kind verwachsen 🙂
Jennifer, Zenathi, Britten, Mary

Es ist schon dunkel, da machen wir uns endlich auf den Weg zu Modesti. Pat bleibt im Zimmer zurück, da sie etwas Kopfschmerzen hat. Und weil es inzwischen dunkel ist, fährt Baraka Juliana und uns mit dem Auto nach Sakkala Village. Dafür müssen wir zuerst nach Loliondo fahren, denn dort ist die einzige Brücke über den Fluss, der Barakas Haus von Sakkala trennt. Zu Fuß hätten wir keine 10 Minuten gebraucht, mit dem Auto fahren wir mehr als 20 Minuten, denn die „Straße“ von Loliondo nach Sakkala ist mehr als abenteuerlich und Baraka kann nur Schritttempo fahren.

Modesti erwartet uns schon auf der Straße und führt Juliana und uns den Hang hoch zum Haus. Baraka will uns nachher wieder abholen. Oben erwartet uns Mr. Wiston und seine Frau. Sie bitten uns ins Haus und wir nehmen auf ein paar Stühlen und Sesseln Platz. Eine Glühbirne erhellt den kleinen Raum, dessen Lehmwände mit Zeitungsartikeln, Postern und Bildern vollgeklebt sind. Alles wirkt sauber und gemütlich und Mr. Wiston erzählt, dass er das Haus vor 45 Jahren angefangen hat, selber zu bauen. Damals wurde er aus dem Gebiet am Ngorongoro Crater umgesiedelt, weil dort Landwirtschaft aus Naturschutzgründen nicht mehr gestattet war. In Sakkala hat er sich mit Gemüseanbau auf seinem Grundstück ein neues Leben aufgebaut. Mr. Wiston spricht ein gutes Englisch, er ist gebildet und interessiert sich auch für unser Leben und unsere Familien.

Modestis Augen sind eigentlich schwarz … 🙂

In der Zwischenzeit haben Mrs. Wiston und Modesti Tee, Kaffee, Milch, Toastbrot und Schälchen mit Erdnüssen auf den beiden niedrigen Tischen vor uns verteilt und da wir noch kein Dinner hatten, langen wir gut zu. Das Gespräch ist lebhaft und herzlich und wir fühlen uns sehr willkommen, geschätzt und unterhalten. Hinter mir an der Wand hängt ein Plakat mit allen afrikanischen Präsidenten. Und zwangsläufig kommen wir auf das Thema Politik zu sprechen. Dass John Magufuli Präsident von Tansania ist, weiß ich, seitdem in der Schule ein Protrait von ihm hängt.

Im Vorfeld meiner Reise nach Tansania habe ich mich über das Land informiert. Es gilt als politisch stabil, wenn auch mit einer hohen Kriminalitätsrate. Die Reise- und Sicherheitshinweise des Deutschen Auswärtigen Amtes fallen aber im Vergleich zu denen für Kenia wesentlich harmloser aus. Das war auch mit ein Grund für meine Entscheidung, nach Tansania zu fahren. Ich habe seit meiner Ankunft hier auf jeden Fall den Eindruck, in einem friedlichem Land zu sein.

Das bestätigt auch Juliana. Große Unruhen gibt es hier nicht. Die verschiedenen Religionen – christliche Kirchen, der Islam und die verschiedenen Stammesreligionen – kommen gut miteinander aus. Schwierig wird es nur, wenn man nicht einer Meinung mit der Regierung ist. Juliana und Mr. Wiston berichten, dass Opositionelle, die zu stark gegen die Regierung auftreten, aus dem Weg geräumt werden. Wir fragen nach, was sie damit meinen. Sie werden umgebracht, ist die schockierende Antwort. Man könne in Tansania ganz gut leben, aber man dürfe sich niemals gegen die Regierung auflehnen. Immer schön brav mit dem Strom schwimmen, dann kann man etwas erreichen.

Juliana ist allerdings nicht zufrieden mit dem Fortschritt des Straßenbaus hier in der Region Loliondo. Die Regierung hätte schon lange versprochen, dass der Ausbau weitergeht. Aber die Versprechen werden nicht erfüllt. Erst muss ein Kind auf der Brücke zwischen Loliondo und Wasso ertrinken, meint sie, bevor etwas passiert. Sie würde ja gerne in die Politik gehen, sagt sie, um Dinge voranzubringen, und wir trauen ihr das absolut zu!

Inzwischen ist es schon kurz vor neun und Baraka hat bei Modesti auf dem Handy angerufen, er stehe vor dem Haus. Wir bedanken uns für die nette Gastfreundschaft und nach einem kleinen Rundgang im Handylampenlicht durch Mr. Wistons Garten verabschieden uns herzlich von den dreien.

Zu Hause wartet nicht nur das Dinner auf uns, von dem ich aber nichts mehr esse – die Nüsse haben völlig gereicht. Für jeden steht auch eine Flasche Savanna da, die Pat sich von Baraka aus Wasso hat mitbringen lassen und die sie zum Abschied ausgibt. Und John und seine Frau Sarah sind gekommen. John berichtet, dass er noch Mitreisende gefunden hat und Pat und ich jeweils nur 100.000 TSh bezahlen müssen. Na, da haben wir ja Glück gehabt. Und Margret, die Allerbeste, hat tatsächlich mein drittes Kleid fertig bekommen! Ich ziehe es an und stelle fest, dass ich diesmal beim Reißverschluss keine Hilfe brauche, denn er ist an der Seite unterhalb des linken Armes angebracht. Großartig! Margret lächelt ihr bescheidenes Margretlächeln und freut sich über meine Freude.

Margret und ihre Tochter Rosweeta (Rosie)

Unser letztes Beisammensein. Baraka stellt sich vor uns an den Tisch und beginnt eine Rede. Er findet für das Dankeschön, das er uns sagen möchte, sehr herzliche Worte. Ich habe nur den zweiten Teil seiner Rede gefilmt, aber hier ist er für euch:

Juliana: I am not poor! 🙂
(Kurzer Background für die Facebook-Stelle: Baraka hat 5.000 fb Freunde und damit die Obergrenze erreicht!)

Nach diesen Worten überreicht Baraka Pat und mir je eine Urkunde über erfolgreiche Volunteersarbeit an der Bright English Medium School. Na, das ist ja fast so etwas wie eine Compostela 🙂

Und zu guter Letzt gibt es auch noch eine Gelegenheit für Baraka, mit mir alleine zu sprechen. Diesen Wunsch hatte er schon vor drei Tagen geäußert und erst jetzt, am letzten Abend kurz vor dem Schlafengehen, schaffen wir es. Wir ziehen uns in mein Zimmer zurück. Und Baraka gibt mir zu verstehen, dass ich für ihn und Juliana ein besonderer Volunteer gewesen sei. Dass ich immer in ihren Herzen wäre und nun eine afrikanische Familie hätte. Er wolle mir und meinem Mann ein Geschenk mitgeben und holt aus einer brauen Tüte eine geschnitzte Holzstatue.

Zum zweiten Mal heute bin ich tief gerührt und frage mich, was ihn dazu veranlasst, gerade mich so besonders zu beschenken. Wir sprechen noch eine ganze Weile an diesem Abend, bzw eigentlich ist es Baraka, der redet und dankt und lobt und fast kein Ende findet. Aber auch ich komme zum Zuge und gebe Dank und Lob nur zu gerne zurück. Wie sehr habe ich mich hier zu Hause gefühlt. Wie sehr sind mir diese Menschen hier ans Herz gewachsen. Wie großartig ist die Arbeit für die Schule, für die Kinder. Ich verspreche, weiter zu unterstützen oder besser, so hoffe ich bei mir, erst richtig loszulegen, wenn ich wieder zu Hause bin. Denn bisher haben sie zwar ein bisschen Geld, Kleidung und zwei Laptops von mir erhalten. Aber ich möchte dazu beitragen, dass diese Schule weiter existieren kann, dass die Mädchen noch dieses Jahr im neuen Dormitory schlafen können und dass auch die Jungen im darauffolgenden Jahr eine schöne Unterkunft erhalten.

Gegen halb zwölf sagen wir uns alle gute Nacht. Sophie, Dennis und Rúben versprechen, morgen früh um sechs aufzustehen und uns zu verabschieden. Während Pat sich schlafen legt, muss ich noch packen. Dazu war den ganzen Tag überhaupt keine Zeit gewesen. Was für ein Tag! Ich bin übervoll von all dem Erlebten, von den Gefühlen, von der Wärme und Herzlichkeit, die ich seit meiner Ankunft jeden Tag erleben durfte. Dankbar über dieses große Geschenk versuche ich, wenigstens noch ein bisschen Schlaf zu bekommen.

2 Kommentare zu „My time in Tanzania 23

  1. Hallo Ulrike, ich gehe auch bald an die Bright English Medium School und dein Bericht hat mich so gut darauf vorbereitet, was alles auf mich zukommen wird. Ich kann es jetzt kaum noch erwarten, mich vor Ort einzubringen. Ein paar Fragen habe ich aber noch, zu denen ich deine erfahrene Einschätzung brauchen würde. Melde dich bitte bei mir 🙂 – Kati

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