
01.02.2020
Sawa-Song und Paris-Bar
Am Samstagmorgen fahren Baraka, Juliana und ich nach Wasso, im Auto die beiden Pötte gelbe Farbe, die wir jetzt nicht mehr brauchen. Wäre doch gelacht, wenn wir sie nicht zurückgeben können!
Allerdings macht die junge Verkäuferin, die sich noch an mich erinnert, ein eher bedenkliches Gesicht, als Juliana ihre Bitte vorträgt. Sie zögert, schweigt, überlegt und will schließlich ihren Chef anrufen, um zu fragen, was sie machen soll. Doch bevor sie telefonieren kann, schlage ich Juliana vor, doch zu fragen, ob wir nicht die Farbe gegen Zement eintauschen können! Zement wird sowohl für das Dormitory wie für den Wassertank gebraucht. Dagegen hat die Verkäuferin nichts und so liegen kurze Zeit später drei Säcke Zement sowie eine Wäscheleine im Auto, die wir für den Wert der Farbe, nämlich 66.000 TSh, bekommen haben.

Auf der Rückfahrt erschallt im Auto in voller Lautstärke Barakas und unser Lieblingssong, der Sawa-Song! Seit gut einer Woche wird dieses Lied bei jeder Gelegenheit gespielt. Es ist von dem nigerianischen Sänger Flavor, der in Afrika sehr populär ist und den Song in einem Suaheli-English-Mix singt. Sawa heißt auf Suaheli so viel wie OK!
Unter diesem Link könnt ihr euch den Sawa Song bei YouTube anhören: https://youtu.be/hCTFZEMpW54 Probiert es mal aus!
Nach dem Lunch verkündet Juliana, dass sie heute Nachmittag zum Friseur gehen wird. Oh! Pat und ich rufen fast gleichzeitig: „Wir kommen mit!“ Denn meine Haare haben in den letzten Wochen schon sehr gelitten. Einmal ordentlich waschen und föhnen kann eigentlich nur gut sein. Außerdem wollen wir alle heute Abend ausgehen, nämlich endlich in die Paris-Bar in Wasso, was wir schon lange vorhatten. Und das ist mit frischen Haaren natürlich gleich viel netter. Juliana findet die Idee auch gut und so sind wir einige Zeit später wieder in Wasso. Vor einem unscheinbaren Haus mit einem Vorhang statt einer Tür hält Nathan an und lässt uns raus.

Hinter dem Vorhang befindet sich ein vielleicht 4 m2 kleiner Raum. Er sieht schon SEHR anders als erwartet aus, aber sein Zweck ist unschwer zu erkennen 😀 Zunächst ist Juliana dran, deren Zöpfe erstmal gelöst werden müssen. Sie möchte sich Extensions in die Haare knüpfen lassen.


An dieser Stelle ein paar Infos zum Thema Afro Haare. Diese haben, wie ihr ja wisst, eine komplett andere Struktur als europäisches Haar und gehören zu den anspruchsvollsten Haartypen überhaupt. Sie bedürfen einer besonderen Pflege und es viel aufwendiger, sie in eine gut sitzende Form zu bekommen.
Bei Kindern in Tansania ist es allerdings noch einfach: Alle Kinder müssen kurzgeschorene oder eingeflochtene Haare tragen. Dies soll die Ausbreitung von Läusen verhindern. Für Männer gelten ebenfalls kurz geschnittene Haare als smart. Allerdings lassen sich viele junge Männer die Deckhaare gerne etwas länger wachsen, während die Seiten kurzrasiert sind. Siehe Modesti zum Beispiel. Sein Look ist ziemlich populär. Und besagt natürlich nicht, dass diese Leute nicht smart sind.

Bei Frauen ist es allerdings schon schwieriger. Afrikanerinnen, die es sich leisten können, lassen sich ihre Haare aufwendig flechten bzw. zusätzliche Haare – echte oder Kunsthaare – hinzuflechten. Dies ist teuer und dauert auch eine ganze Weile. Aber es sieht eigentlich immer beeindruckend aus. Haare zu glätten oder Perücken zu tragen ist übrigens auch angesagt. Kurzgeschorene Köpfe sieht man nur bei Massaifrauen. Ich habe keine einzige Massai getroffen, die längere Haare (echt oder Extensions) hat.
Juliana also möchte sich unechtes Haar in ihre Haare knüpfen lassen. Da dies viel Zeit in Anspruch nimmt, sind erstmal Pat und ich dran. Ich lasse Pat den Vortritt. Die Friseurin füllt einen Wasserkocher und stellt ihn an. Dann mischt sie das kochende Wasser mit kälterem und bittet Pat, an ein rollbares Waschbecken zu treten. Das Waschbecken hat einen Abfluss, der aber nicht im Boden, sondern in einem Eimer endet.


Pat bekommt die Haare nicht ganz so gründlich gewaschen, wie ich es von meinen Friseurbesuchen kenne. Aber sauber sind die Haare allemal. Mit einem Handtuch über dem Kopf überlegt sich Pat kurz, ob sie vielleicht etwas ausprobieren soll. Aber das tut sie natürlich nicht 😊

Stattdessen beginnt die Friseurin gekonnt zu föhnen. Jedoch, merkwürdig, Pats Haare sehen auch nach 15 Minuten Föhnen und Kämmen immer noch nass und strähnig aus. Wo bleibt die Luftig- und Duftigkeit, die sie selbst dann hat, wenn ihre Haare tagelang nicht gewaschen sind?! Ich sag lieber nichts, aber schön ist was anderes…

Und dann bin ich an der Reihe. Kopfüber und im Stehen die Haare gewaschen zu bekommen, ist jetzt nicht so bequem, aber es geht durchaus. Als die Friseurin dann zum Föhn greift, schmiert sie aber vorher noch ein Zeug in die Haare. Es riecht nach Öl und auch nicht schlecht, aber ich ahne, dass das der Grund für den fertigen Look bei Pat ist. Oha, also werd ich auch nicht viel anders aussehen. Und so kommt es auch. Egal, wie intensiv sie föhnt, meine Haare fühlen sich klebrig an 😀

Wir sagen Juliana nichts und lassen sie im Laden zurück, denn Nathan steht schon draußen und will uns zurückbringen. Kaum zu Hause angekommen, stürzt Pat ins Badezimmer, sichert sich einen Eimer heißes Wasser – und wäscht sich die Haare! 20 Minuten später kommt sie einigermaßen erleichtert raus – jetzt fühlt sie sich schon deutlich wohler 😁
Mir bleibt keine Zeit mehr zum Haare waschen, denn Rúben, Dennis und Sophie, die in der Schule an ihrem Wassertank weitergearbeitet hatten, sind schon von dort aus mit Joseph auf dem Weg zur Paris-Bar. Wir wollen nicht schon wieder Nathan oder Baraka bitten, uns zum dritten Mal nach Wasso zu fahren, also stellen Pat und ich uns oben an die Straße und warten auf ein Auto. Sieben Minuten später rollt eines aus der richtigen Richtung (nämlich aus Loliondo) auf uns zu, das ich mit einem beherzten Satz auf die Straße und mit hoch gestrecktem Daumen zum Anhalten nötige. Der Fahrer ist sehr freundlich, lässt uns einsteigen und nimmt uns mit nach Wasso.

Die Paris-Bar beeindruckt durch eine grelle blau-grüne Lichtreklame – auch am Tage. Innen ist der eine, nicht sehr große Raum in blaues Licht getaucht, an das unsere Augen sich erst gewöhnen müssen. In der einen Ecke entdecken wir unsere Freunde. Noch vier weitere Leute sitzen auf Sofas und an niedrigen Tischen. Schnell sind Savannas bestellt und auch Chipsi (Pommes frites) und kleine Fleischspieße bringt der Wirt an unseren Tisch. Wir schlagen zu, alle erzählen von ihren Erlebnissen heute, lassen sich Getränke und Essen schmecken und werden immer lustiger.
Weil ich immer noch heftig husten muss (auch wenn es lange nicht mehr so schlimm ist), bekomme ich vom Nachbartisch Kommentare zugerufen. Pole Pole ist das eine, aber mir wird auch angeboten, gute Medizin zu trinken, damit der Husten aufhört. Diese „Medizin“ befindet sich in einer Glasflasche und in den Gläsern auf dem Tisch unserer Nachbarn. Es ist ein afrikanischer Kognac, wie mir das Pärchen nebenan erklärt. Und er würde meinen Husten augenblicklich stillen. Ha!
Erst lehne ich dankend ab – bin ja gerade wieder zurück im Leben und muss hier mit Sicherheit keinen harten Alkohol trinken. Savanna ist deutlich genug. Aber natürlich, wie es so ist, finden jetzt meine Fellows Gefallen daran, mich zu einem Glas zu überreden. Und so lasse ich mir irgendwann einen Schluck einschenken. Das Zeug schmeckt gar nicht so schlimm 😀 Und weil ich kurz darauf immer noch huste, muss ich noch einmal ran. Aber das war’s dann auch!

Es ist einfach schön, so ausgelassen und fröhlich und vertraut miteinander zu sein! Wir alle wissen, dass unsere gemeinsame Zeit sich dem Ende nähert. Es war eine ganz besondere und wertvolle Zeit, die sich so nicht wiederholen lässt. Aber in Kontakt werden wir bleiben. Denn wir haben noch ein gemeinsames Ziel. Weiter „unsere“ Schule hier zu unterstützen. Ein bisschen was haben wir schon erreicht. Aber es soll auch noch weitergehen.


Liebe Ulli,
da ich soooo lange schon nichts mehr von Dir gelesen habe, habe ich schon befürchtet, dass Du eine Auszeit nehmen musstest. Ich hoffe, dass Du wieder gesund zurück bist.
LG
Bernd
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