
22.01.2020
Bright School becomes brighter
Am Mittwochmorgen hat zunächst Margret eine Überraschung für Kim. Sie übergibt ihr das Kleid, das sie in den letzten beiden Tagen fertiggenäht hat. Gerade rechtzeitig, denn Kim will heute zurück nach Arusha fahren. Kim hat sich einen extravaganten Schnitt ausgewählt, aber das Kleid steht ihr fantastisch!

Es gibt nur ein kleines Problem – sie hat sich schon mühsam hineingezwängt, so eng ist es. Aber hinsetzen ist leider nicht möglich, ohne dass das Kleid reißt 😅 Nun, Models haben ja häufig das gleiche Problem, versuchen wir zu trösten, sie dürfe halt nicht essen und trinken und auch nicht aufs Klo. 😀
Kim will mit einem privaten Auto durch den Ngorongoro Nationalpark zurück nach Arusha fahren. Es soll wohl eine Mitfahrgelegenheit ab Wasso geben. Mit dem Bus zurückzufahren, kommt für sie überhaupt nicht in Frage – die 17stündige Anreise nach Loliondo hat bei ihr ein leichtes Trauma hinterlassen.
Wir übrigen Volunteers sind voller Tatendrang, weil wir in der Schule helfen wollen, alles für den Inspektor vorzubereiten. Juliana meint, dass das Küchenhäuschen gestrichen werden müsste. Gut, das wollen wir gerne machen. Aber dann müssten wir alte Klamotten bekommen, denn beim Streichen wird man zwangsläufig mehr oder weniger farbig. Ich jedenfalls mit Sicherheit mehr, das weiß ich!
Juliana kramt in ihrem Zimmer nach Kleidung und kommt zurück mit zwei wunderschönen langen Kleidern, eins in rot, eins in blau. Sie würden ihr nicht mehr passen. Sophie und ich sind entsetzt. Doch nicht diese schönen Kleider! Nein, das geht ja nun mal gar nicht. Obwohl Juliana darauf besteht, bleiben wir hart. Gut, meint Juliana, dann will sie sie mir wenigstens schenken (weil ich gerade alleine mit ihr bin). Ohhh! Ich freue mich riesig, gebe aber das blaue Kleid Sophie, damit sie sich auch freuen kann.
Julianas weitere Suche ist erfolgreicher und so sind wir nach einiger Zeit mit älteren T-Shirts und Kleidern ausgestattet und lassen uns alle von Baraka zur Schule fahren, zusammen mit Kim.
Unser erster Weg führt wieder ins Sekretariat, wo wir unsere Geräte aufladen können. Dort lernen wir Mr. Mushi, Allen Mushi, den Manager der Schule, kennen. Er ist Julianas alter Lehrer, inzwischen pensioniert und er unterstützt Juliana und Baraka in der Schulleitung.
Mr. Mushi sitzt vor einer langen Liste, auf der alle Punkte aufgeführt sind, die die Regierung erwartet. An einigen Stellen sind schon Haken zu sehen.

Einen halb und einen ganz erledigten Punkt können wir schon begutachten. An der Wand vor dem Sekretariat wird gerade eine Tafel angebracht. Auf dieser muss jeden Tag die Anzahl der anwesenden und der abwesenden Schüler notiert werden. Ich finde diese Vorgabe etwas schräg und würde stattdessen ja Klassenbücher einführen. Aber mich fragt die Regierung ja nicht. Pech für sie 😊

Die andere Neuerung ist gleich nebenan im Schulleiterzimmer zu bewundern. Dort hängt inzwischen ein Bild von John Magufuli, dem Präsidenten der Vereinigten Republik Tansania!


Als Nächstes schauen wir nach unseren Klassen und wie es den Kids inzwischen geht. Von einem Mädchen, Joyce, werde ich stürmisch und freudestrahlend begrüßt. Ich kenne sie aus der Healthcare Class. Dort war sie beide Male äußerst schüchtern. Als sie mich jetzt sieht, kommt sie auf mich zugelaufen, schlingt ihre Arme um mich, drückt mich mit aller Kraft und ruft: „Ulli, I’ve missed you so much!” Ich bin völlig gerührt über diesen Gefühlsausbruch und knuddele sie, so fest ich kann ☺️

Am Küchenhäuschen steht Baraka und hält einen Eimer Farbe in der Hand. Wir schauen hinein. Ohh! Der Eimer ist zum einen halb leer, zweitens liegen in der fast angetrockneten, weißen Farbe noch eine Rolle und zwei Pinsel vom letzten Streichen. Drittens ist es Farbe für Innenräume, die wir aber nicht verwenden können, weil das Häuschen von außen gestrichen werden soll. Und obendrein: Das ist alles an Farbe. Okeee…
Juliana schlägt vor, damit einfach einen der Klassenräume zu streichen. Die hätten auch einen neuen Anstrich nötig. Oh ja, da sind wir sehr einer Meinung. Aber mit einem halben Eimer kommt man nicht weit, zudem sind alle Klassenräume (außer die drei im Wellblechgebäude, deren Wellblechwände man nicht wirklich streichen kann) in einem Gelbton gestrichen. Kurzentschlossen biete ich mich an, in Wasso Farbe zu kaufen. Wir überschlagen kurz die Menge, dann düse ich mit Baraka und Kim los. Kim wird in Wasso bleiben und auf ihr Auto warten.
Der erste Weg in Wasso führt mich zum Bankautomaten, denn mein Bargeld ist seit meiner Ankunft hier doch beträchtlich geschmolzen und beträgt nur noch wenige Shillinge. Heute wird es klappen, Geld zu holen. Denn der Automat kann ja nicht ständig Netzwerkprobleme haben. Hat er auch nicht, wie ich an den beiden Leuten vor mir merke, die zufrieden aus der Kabine kommen. Meine Karten will er allerdings nicht! Sowohl bei meiner einen wie auch meiner zweiten Karte spukt er mir kein Geld aus. Frechheit! Als Grund gibt er nur an, dass mein Finanzinstitut „not available“ wäre. Ich telefoniere mit Zuhause und bitte um Hilfe bei der Klärung, woran es liegen könnte. Mal sehen, was Sparkasse und Volksbank so sagen.
Der Store mit dem Handwerkerbedarf ist gleich um die Ecke. Ich brauche Farbe für rund 700 m2. Und siehe, der Verkäufer hat tatsächlich drei große Eimer gelber Silkfarbe vorrätig, die ausreichend sind, wie ich ausrechne. Ich nehme auch noch drei Roller und einen Pinsel mit, so sind wir gut ausgestattet. Wir können anschreiben lassen (jeder kennt hier Mr. Baraka!) und fahren zurück zur Schule.
Dort haben Sophie, Pat und Dennis mit tatkräftiger Unterstützung von vielen Schülern inzwischen begonnen, einen Klassenraum vorzubereiten und die angeklebten Papiere von den Wänden zu kratzen.


Alle Tische und Bänke werden in der Mitte zusammengestellt, den Boden entlang der Wände bedecken wir mit alten Maisgriessäcken und eigentlich kann es losgehen. Auf der hinteren Wand haben Volunteers eine Landkarte von Afrika gemalt – die wollen wir unbedingt erhalten. Also muss vorsichtig mit einem Pinsel darum herum gemalt werden – kein Job für mich. Ich bin eher fürs Grobe geeignet 🙈

Es gibt noch eine Diskussion mit Juliana, die die Farbe gerne mit Wasser verdünnen möchte, um mehr streichen zu können. Die Rechnung geht aber nicht auf, versuche ich ihr klarzumachen, denn bei dem Schmutz auf den Wänden brauchen wir eine hohe (sehr hohe!) Deckkraft. Und so beginnen wir, die Farbe unverdünnt zu verteilen.
Meine Rolle hat schon nach fünf Minuten den ersten Riss, eine halbe Stunde später reißt das Fleece auf einer Seite ab und rutscht ständig zusammen. Von Sophies Rolle lösen sich Fussel über Fussel und bleiben an der Wand kleben. Na, das kann ja heiter werden… Dennis und Pat haben die Pinsel gewählt und ich frage mich, ob sie wohl klüger waren als ich. Denn schon nach einer halben Wand bin ich voller gelber Sprenkel.

Aber Dennis macht Musik an – seine Spotify Classic Playlist – und mit so großartigen Songs wie „Stand by me“, „Lean on me“ und „Wonderful World“ streicht es sich gleich viel beschwingter!
Wir haben jede Menge Spaß, eine große Anzahl Bewunderer bei Schülern und Lehrern und noch mehr Zuschauer. Nach dem ersten Raum beginnen wir einen weiteren und dann noch einen. Eine Klasse verlegt ihren Nachmittagsunterricht in den Hof, zumindest bis zum unvermeidlichen Regenschauer. Die anderen beiden Klassen spielen oder vertreiben sich auf andere Weise die Zeit. Die drei restlichen Klassen bereiten ihre Räume schon einmal für morgen vor. Mit der 7. bin ich besonders zufrieden: sie putzen ihren Raum gründlich, sogar die Fenster! und die Bänke und Tische stehen sauber mittig in Reih und Glied. Für mein deutsches Ordnungs- und Sauberkeitsgefühl ein Fest 😀
Von 12:30 bis 20 Uhr streichen wir drei Klassenräume, zwei davon zweifach, was ausreicht, um den Räumen ein frisches und freundliches Aussehen zu verleihen. Gelb, verschwitzt, hundemüde, aber rundum happy fahren wir zurück nach Hause 😃
Ein paar Impressionen:












Mehrere Eimer heißen Wassers (für uns alle) sind nötig, um wenigstens einigermaßen sauber zu werden. Mir fehlt aber eine Bürste, um alles abzuschrubben, und Haare waschen lohnt sich eh nicht, da es ja morgen weiter geht. So gehe ich heute gesprenkelt ins Bett – und fühle mich nur bedingt wohl damit.
Übrigens, während wir unseren Spaß mit der Farbe hatten, verlief es für Kim heute weniger spaßig. Am frühen Nachmittag erhielten wir von ihr die letzte Nachricht, dass sie immer noch in Wasso ist. Auf weitere Nachfragen, wo sie jetzt sei, kam keine Antwort mehr. Aber wir sind nicht besonders überrascht, als um 21:30 Uhr, Pat und ich liegen schon im Bett, die Tür zu unserem Zimmer aufgeht – und Kim mitsamt Rucksack hereinspaziert! Kein Auto wollte sie zu einem einigermaßen vernünftigen Preis mitnehmen. Sie ist schon über das Verzweifelungsstadium hinaus und bei einer Art Fatalismus angelangt. Für morgen hat sie mit Joseph ausgemacht, dass sie zusammen mit ihm von einem Privatauto mitgenommen wird. Er hat ihr versprochen, dass es auf jeden Fall klappen wird. Um 4 Uhr morgens! Na, da hoffen wir mal das Beste für sie! Gute Nacht 😊