
21.01.2020
Die Safari geht weiter
In der Nacht haben wir verschiedene Tierstimmen gehört, darunter auch tiefes Knurren, bei dem wir uns nicht sicher waren, ob es sich um Löwen, Leoparden oder Geparden handelt. Jetzt am frühen Morgen ist es ein lautes Vogelkonzert, das mich weckt. Von meinem Bett aus kann ich in die Wildnis vor unserem Zelt sehen. Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, es ist auch ein wenig diesig. Ich fühle mich wohl in diesem riesigen, komfortablen Bett mit der Aussicht ins Grüne und würde gerne länger liegen bleiben.

Aber nix da – das Frühstück wartet und meine beiden roommates machen mir Beine. Im Speisezelt erfahren wir von Leonard, dem Manager, dass Joseph und der Driver es mit unserem Jeep noch in der Nacht ins Camp geschafft haben. Erstaunlich! Sie sind schon auf und bereiten unsere Abfahrt vor.

Nach einem fast europäischen Frühstück – Orangensaft, Omelette und Toast – starten wir für den zweiten Teil der Safari. Heute wollen wir unbedingt Löwen sehen! Wir haben seit gestern eine Wette laufen: Wer den ersten Löwen sieht, dem spendieren die anderen eine Savanna (das afrikanische Cider). Aber natürlich wünschen wir uns auch Begegnungen mit Leoparden, Geparden und Nashörnern und noch mehr Elefanten!
Zunächst jedoch stellen wir fest, dass heute die Serengeti wie leergefegt wirkt. Ein paar Tiere sind zu sehen – Pumbas, ein einsames Hippo – aber mehr auch nicht. Irgendwann treffen wir auf eine große Horde Paviane, die sich auf und am Weg tummelt. Wir schließen die Fenster, denn man weiß nie, was den Kerlen so einfällt.

Nicht weit entfernt können wir eine Reihe von Jeeps ausmachen. Ha! Das ist ein Zeichen, dass es dort etwas zu sehen gibt. Ungefähr sechs Jeeps stehen kreuz und quer auf der Straße. Wir sind noch nicht ganz angekommen, da erkenne ich, was da mitten auf der Straße liegt und rufe laut: „Lion!!“ Und das, obwohl ich in der hinteren Reihe sitze. Aber für einen Moment war ganz klar der Kopf eines Löwen zu sehen. Dennis ist verdattert und auch etwas enttäuscht – hat er doch die ganze Zeit großen Ehrgeiz gezeigt, die Wette zu gewinnen.
Wir reihen uns ein und müssen warten, bis die vorderen Jeeps ihren Platz verlassen. Das tun sie aber nur sehr langsam und wir sehen bestimmt 20 Minuten lang – nichts (außer Jeeps). Plötzlich aber schreitet der Löwe gemächlich zwischen den Autos hindurch und verschwindet im hohen Gras am Straßenrand. Dort wartet ein weiterer Löwe, dessen Kopf kurz auftaucht.

Autos und Menschen kennt er wohl zu Genüge, so dass er sich davon nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Das Schauspiel ist vorbei und die Jeeps machen sich einer nach dem anderen vom Acker. Auch wir fahren weiter, passieren erneut einen Hippopool mit einer großen Anzahl von Flusspferden, aber das ist dann für den Vormittag auch alles. Mittags machen wir erneut Pause im Seronera Visitor Center, aber nur kurz und auch ohne unsere Lunchpakete anzurühren, die wir morgens von unserem Camp mitbekommen haben.


Die Fahrt geht Richtung Süden weiter und verläuft etwas ereignislos. Wir kommen an mehreren Kopjes vorbei, das sind Granitformationen, die sich mitten aus der flachen Landschaft erheben. Sie bieten Unterschlupf für viele Tiere, dienen aber auch als Aussichtspunkte für größere Raubtiere.


Dafür taucht plötzlich ein Sekretär auf, dieser urige Vogel, den wir ja schon von unserem Trip durch die Ngorongoro Conservation Area erlebt haben. Aber dann! Wieder sind auf der Straße einige Jeeps versammelt, zum Glück noch nicht so viele. Und wir dürfen ein ganzes Rudel Löwen aus nächster Nähe beobachten.

Es ist ein Löwe mit drei Löwinnen und einem Jungtier. Der Löwe ruht mittig, ein Stück links von ihm kauern zwei Löwinnen mit dem Jungtier, die dritte Löwin entdecken wir erst nach einer Weile, da sie weiter entfernt rechts im Gras liegt. Aber das sind nicht die einzigen Tiere; am Horizont sehen wir auch eine riesige Herde Gnus in Bewegung. Abrupt löst sich ein Teil der Herde von dem Rest und beginnt einen wilden Galopp – genau auf uns zu. Und! auf die Löwen!

Die Löwen registrieren die Herde und werden aufmerksam. Die beiden Löwinnen legen sich in Position, während das Männchen gelassen bleibt. Wir halten den Atem an. Werden wir hier gleich eine Jagd erleben? Die Gnus haben ihre Feinde im Gras noch nicht entdeckt. Noch rasen sie in unverminderter Geschwindigkeit weiter.
Hinter uns kommt ein Bus angefahren. Vielleicht ist es das, was die Herde plötzlich stoppen lässt, aber vielleicht auch sind es auch die Löwen. Jedenfalls stehen die Gnus vielleicht 20, 30 Meter entfernt von den Löwen und scheinen zu beraten, was nun zu tun ist. Es dauert ein bisschen, dann drehen sie einer nach dem anderen um und galoppieren wieder zurück. Wow, das ist für die Gnus nochmal gut ausgegangen! Aber vielleicht sind die Löwen ja auch satt – so richtig in Jagdlaune scheinen sie jedenfalls nicht zu sein.
Wir bleiben noch stehen, denn wer weiß, was als Nächstes passiert. Eine der Löwinnen gesellt sich zu dem Männchen, was diesen aber zu stören scheint. Ungnädig und abwehrend reißt er das Maul auf und schüttelt die Mähne. Aber das Weibchen kennt das Gehabe zu Genüge und lässt sich davon nicht beeindrucken.

Plötzlich eine Bewegung auf der rechten Seite. Der dritten Löwin ist das andauernde Liegen wohl zu langweilig und sie entschließt sich, die Versammlung der Jeeps einmal genauer zu inspizieren.
Noch mehr auf Tuchfühlung kommt sie dann nach einigen Minuten! Mir gehen Bilder von Löwenangriffen auf Safaritouristen durch den Sinn, von denen ich weiß, dass einige nicht gut für die Touristen ausgegangen sind. Aber nicht nur die Gnus haben heute Glück, sondern auch wir 😀
Ein bisschen schweren Herzens trennen wir uns nach einer halben Stunde von den Löwen. Bald schon nähern wir uns dem südöstlichen Naabi Gate, wo wir eine Lunchpause einlegen und unsere Pakete aus dem Osupuku Camp fast komplett leer futtern.

Diesen Weg zu nehmen, war ein Vorschlag von Joseph, um als Entschädigung für die gestrige Panne heute eine weitere Strecke zu bewältigen und noch die Great Migration erleben zu können.
Die große Wanderung: In der Serengeti leben riesige Herden – 1,4 Mio Gnus, 200.000 Zebras, 300.000 Thompson Gazellen und 10.000 Topis, die das ganze Jahr über auf der Suche nach Futter in einem über 1.000 km langen Treck unterwegs sind. Dabei bewegen sie sich langsam grasend in mehreren Kilometer langen, schlangenförmigen Reihen. Eine Wanderung, die in wechselseitiger Beziehung zur Natur und in Abhängigkeit zu den Regenzeiten steht – ein in sich harmonierendes Ökosystem.
Wir haben schon bei unserer Anreise diese beeindruckenden Bilder gesehen und sind deshalb seinem Vorschlag nicht abgeneigt. Nach Begegnungen mit Zebras und einer Pumbafamilie ist nur wenig weiter eine größere Gruppe Gnus – hier sind überall Gnus – wild entschlossen, die Straße zu überqueren und nimmt keine Rücksicht auf den Verkehr. Erstaunlich, wie schnell und agil diese stattlichen Tiere auf ihren dünnen Beinen sind!





Kurz darauf verlassen wir die Serengeti, was uns ein großes Schild verkündet. Am Ausgang warten schon einige Massaifrauen auf Abnehmer für Ihren selbstgemachten Schmuck. Das kennen wir ja schon!

Drei junge Mädchen und wohl ihre Mutter kommen zum Auto gelaufen und in Windeseile versuchen sie mir, die ich am Fenster sitze, einen bunten Armreif anzulegen. Ich kann mich kaum dagegen wehren. Sie kennen keine Scheu und Rücksicht, sondern versuchen auf jede denkbare Weise, ihre Ware loszuwerden und einige Schillinge dafür zu einstecken zu können. Zuerst will ich nichts kaufen, aber beim Blick in die stumm bittenden Gesichter mit den traurigen Augen (ja, sie kennen alle Tricks 😀), schwenke ich um und lasse mir die Armbänder erstmal zeigen. Sofort habe ich bestimmt 15 Bänder auf dem Schoß und wähle erst eins, dann drei und schließlich noch drei weitere aus, was bei den Mädels und der Mutter einen Jubel auslöst. Wir einigen uns über den Preis – 12.000 Schillinge insgesamt sind wirklich nicht viel Geld, nämlich knapp 5 Euro – und so hab ich schon mal ein paar Mitbringsel. Dennis macht sich lustig über mich, dass ich nach jedem Armband gesagt hätte: „That’s all. Just this. Thank you.“ (was auch stimmt 🙈), um dann immer weitere zu kaufen. Nun.. man kann es sich anders überlegen, immer wieder 🤗

Die anderen, inklusive Dennis, haben übrigens auch Armbänder gekauft – die Massai dürften nicht ganz unzufrieden gewesen sein.
Hinter dem Ausgang biegen wir scharf links ab und fahren direkt Richtung Osten. Hier gibt es keine Straße mehr, sondern nur die ausgefahrenen Spuren früherer Fahrzeuge. Es ist eine Piste über kurzes Gras, die aber trocken ist und unseren Driver veranlasst, ordentlich Gas zu geben. Die Landschaft ist baumlos und flach, nur die etwas höher als das Gras wachsenden Pflanzen bieten Schutz und Tarnung. So für Hyänen, die wir als erstes treffen.


Aber auch für .. tadaaa .. Löwen! Es ist der Löwentag! Löwe acht und neun kauern zwischen den Pflanzen, zwei Jungmännchen, noch nicht ganz ausgewachsen. Sie lassen sich von uns nicht stören und so gelingen noch ein paar schöne Aufnahmen.




Wir setzen unsere Fahrt fort und rasen über die endlose Ebene dahin. Allerdings mit sich wiederholenden Stopps, denn Joseph und der Driver wollen nicht noch einmal so böse überrascht werden wie gestern. Aber die Schrauben der Reifen sind diesmal wohl mit Nachdruck festgezogen worden. Jedenfalls ist immer alles in bester Ordnung.
Wir stoßen noch auf etliche weitere Hyänen und stellen fest, dass sie keine Wasserscheu haben und ein entspanntes Bad durchaus zu genießen wissen. In den immer wieder auftauchenden Tümpeln fläzen sich Hyänen und lassen es sich gut gehen. Sei’s ihnen gegönnt!

Das Abendbrot steht auch nicht weit entfernt. Zebras, Gazellen und Antilopen grasen friedlich vor sich hin und wissen wohl einzuschätzen, wann ernste Gefahr droht. Im Moment jedenfalls nicht.

Es werden immer mehr dieser Herdentiere und auch Gnus tauchen auf. Wieder ist der ganze Horizont voller Tiere. Tiere, so weit das Auge reicht. Wir durchqueren ein halbwegs trockenes, riesiges Flussbett und setzen unsere Fahrt in unvermindertem Tempo fort. Langsam neigt sich der Tag seinem Ende und die Sonne taucht die Savanne in mildes Abendlicht.




Nach etlicher Zeit ändert sich die Landschaft urplötzlich. Als ob man von einem ins nächste Zimmer tritt. Wir erkennen den Weg wieder, den wir schon bei unserer Anreise gefahren sind. Jetzt dürften es noch gut drei Stunden bis Loliondo sein. Auch wenn Joseph meint, nur noch 90 Minuten zu brauchen. Ich glaube ihm kein Wort – dafür bin ich jetzt schon lang genug hier, um die afrikanische Zeiteinschätzung beurteilen zu können. Ich frage mich schon, warum dies so ist. Also, warum diese Menschen hier (ich will nicht verallgemeinern und von allen Afrikanern sprechen), Zeit nicht gut einschätzen können. Dieser schöne Satz: „Europäer haben die Uhr. Afrikaner haben Zeit.“ mag vieles erklären. Zeit spielt hier eine ganz andere Rolle als bei uns. Keiner ist in Eile oder unter Druck. Es scheint ein kollektives Vertrauen darin zu geben, dass sich alles gut ausgehen wird. Sicher, die Schule beginnt um 8 Uhr und alle sehen schon zu, pünktlich zu sein. Aber von diesen paar fixen Zeiten abgesehen, schaut niemand auf die Uhr. Und daran mag es bestimmt auch liegen, dass die meisten Menschen hier die Dauer von zeitlichen Abständen nicht gut einschätzen können.
Anyway, wir sind jedenfalls nicht mehr ewig von zu Hause entfernt. Im letzten Abendrot tauchen auch noch wie zum Abschied unserer Safari einige Giraffen auf.



Der Heimweg dauert wie erwartet drei Stunden. Wir bedanken uns mit Applaus bei Joseph und dem Driver (ich habe mir leider die ganze Zeit seinen Namen nicht merken können; er spricht allerdings auch kein Englisch, so dass er nur mit Joseph reden konnte). Auch wenn die Safari etwas anders als erwartet verlaufen ist. Ich für meinen Teil finde allerdings den zweiten Teil des gestrigen Tages großartig – für mich war er der Höhepunkt der beiden Tage!
Freudestrahlend werden wir von allen begrüßt und willkommen geheißen. Trotz der späten Uhrzeit – es ist inzwischen nach 21 Uhr – steht noch Essen für uns auf dem Tisch. Während wir uns stärken, berichten wir unsere Erlebnisse. Aber auch Juliana und Baraka haben Neuigkeiten. Der Inspektor hat sich angekündigt! Die beiden schauen sehr besorgt aus. Einmal im Jahr wird die Schule von der Regierung inspiziert, erfahren wir. Das genaue Datum steht noch nicht fest, aber es kann durchaus schon übermorgen sein. Es müssen jedes Mal viele Auflagen erfüllt und sämtliche Unterlagen vorgelegt werden. Aber, so gesteht Juliana etwas verlegen, es ist noch nicht viel vorbereitet und sie haben jetzt jede Menge Arbeit. Gut! Aber jetzt sind wir ja wieder da und alles wird sicher gut 😀
Mit diesem Vorsatz fallen wir ins Bett. Todmüde, wie wir sind.