02.-03.04.2022
Samstag! Elena steht (entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit) früh auf und werkelt eine lange Zeit in der Küche. Ich sehe ihr dabei zu, wie sie Guacamole zubereitet. Sie püriert grüne Tomaten (die hier in Mexiko übrigens tomate heißen, während die roten Tomaten jitomate genannt werden), Knoblauch und Wasser in einem Mixer, zerdrückt dann reife Avocados (aguacates) in die Tomatenmasse und würzt das Ganze mit Chili, Limones und etwas Salz – fertig.

Die Guacamole wird einer Schüssel mit Deckel und dann in einer Tüte verstaut, dazu kommen noch die restlichen Schnitzel, klein geschnitten, der klägliche Rest an Kartoffelsalat, Tacos, eine Reihe weiterer Speisen, Getränke, Besteck und Geschirr. Am Ende stehen drei vollgepackte Taschen im Flur. Wir machen einen Ausflug mit Picknick! Tatsächlich habe ich aber keine große Idee, wo es hingeht und was mich erwartet. Obwohl alle drei mir bestimmt mehrmals erzählt haben, dass wir heute nach Xochimilco fahren. Googeln hätte nicht viel genützt, denn mit den aztekischen Namen bin ich immer noch nicht ganz vertraut. Ich habe nicht mal eine Idee, wie man das schreibt 🙈 (inzwischen natürlich schon!). Und außerdem, ich lass mich gerne überraschen.
Wir fahren Richtung Süden, diesmal in Elenas Auto und holen als erstes Filo ab. Nicht das erste Mal bin ich fasziniert, wie viel Verkehr hier ist. Mexico-City hat mehr als 21.000.000 Einwohner und knapp 5 Millionen Fahrzeuge und in den meisten von ihnen sitzt nur EINE Person (und oft auch noch mit Maske)! Es gibt achtspurige Straßen und es gibt vierstöckige Straßen – es ist einfach krass.

Ein paar beeindruckende Fakten einer Harvard-Studie: Drei Stunden brauchen die Beschäftigten täglich für den Weg zur Arbeit. Die Staus kosten 30 Prozent des Einkommens. Die durchschnittliche Geschwindigkeit in der Stadt mit dem Auto beträgt im Schnitt nur 6 km/h. Rein rechnerisch steht jeder mexikanische Autofahrer 26 Tage pro Jahr im Stau. Und noch eine Zahl: Jährlich sterben etwas 4.000 Menschen wegen der Luftverschmutzung.
Was ich aber auch beobachte: Heerscharen von fleißigen Arbeitern, Männer wie Frauen, in gelb-grünen Anzügen halten die Straßen sauber. Man sieht sie überall, an jeder Ecke, auf jeder Straße: mit langen Besen fegen sie die Blüten der Jacarandas zusammen, sammeln Müll auf, säubern die Bürgersteige, sind unermüdlich im Einsatz. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Straßen sind blitzsauber, zumindest in den Bezirken, die ich bisher kennengelernt habe.
Je weiter wir in den Süden kommen, desto häufiger sehe ich so etwas wie Blumenläden bzw. Gärtnereien. Zu meiner Verblüffung wird in sehr vielen der kleinen Läden massenhaft Rollrasen verkauft! Na sowas! Dabei habe ich hier tatsächlich noch nicht viele Grundstücke mit Gärten gesehen..

Noch immer habe ich keine Vorstellung davon, was mich heute erwartet. Auch nicht, als Elena das Auto endlich auf einem relativ vollen Parkplatz abstellt und uns alle noch einmal auf die Toilette schickt, da das die letzte Gelegenheit für die nächsten drei Stunden sei. Aha.. Schwer bepackt mit unseren ganzen Picknicktaschen machen wir uns anschließend auf den Weg auf eine Reihe von bunten Buden zu, die alle möglichen Waren und Unmengen an Essen anbieten und ich frage mich noch, wie lange wir unsere Last wohl noch schleppen müssen, da sehe ich es schon: hinter den Buden liegt ein Kanal und auf diesem befinden sich unzählige bunte, fantasievoll geschmückte Boote! Wow! Was für ein Anblick!

Wir laufen noch über eine Brücke und keine zwei Minuten später besteigen wir eines dieser Boote, das (wie alle anderen auch) einen langen Tisch in der Mitte hat, auf dem wir (nachdem Elena und Filo ihn gründlich abgewischt und mit einer Tischdecke versehen haben) unsere ganzen Köstlichkeiten ausbreiten. Unser Gondelführer hat eine lange Stange, mit der er das Boot geschickt durch das Chaos steuert. Denn! Um uns herum ist alles voller Boote! Dicht an dicht, alle voll mit Menschen und Essen und Getränken. Manche feiern Geburtstag, andere Junggesellenabschied oder Familientreffen, manchmal sind es auch nur Liebespaare, die verträumt in einem Boot aneinandergeschmiegt sitzen. Was für ein Gedränge 😃 Ein lautes, fröhliches, schrill buntes Chaos!





Zwischen den trajineras, so werden diese Ausflugs- und Partyboote genannt, fahren noch unzählige kleinere Boote, die alles anbieten, was das Herz begehrt oder was man vielleicht vergessen hat, mitzunehmen: gekühlte Getränke, Eis, Dulces, Früchte, gegrilltes Fleisch oder Gemüse, Tamales und tausend andere Köstlichkeiten, Blumenkränze für die Damen, Spielzeug und Nippes für die Kinder, sogar Boote mit Mariachis fahren herum und entern das ein oder andere Boot, um dort mit Livemusik die Stimmung noch mehr anzuheizen. Ich kann mich gar nicht sattsehen an all den Farben und an all der Fröhlichkeit um mich herum!

Filo hat natürlich Don Julio dabei, aber es gibt auch kühlen Weißwein, Bier und Cola aus Elenas Tiefkühltasche. Wir langen kräftig zu und selbst die lauwarmem Schnitzelstückchen, die Elena in einem Topf eine Weile der Sonne ausgesetzt hat, schmecken lecker. Unser Kahn gleitet gemächlich durch die Kanäle, vorbei an sehr grünen, kleineren und größeren Grundstücken, und ich erfahre, dass wir uns hier in den schwimmenden Gärten der Azteken befinden, den Chinampas, wo im 14. Jahrhundert Obst, Gemüse und Blumen angebaut wurden und die das landwirtschaftliche Standbein des Reiches bildeten. Heute existieren noch rund 180 Kilometer dieses genialen Kanalsystems, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco stehen.


Gut drei Stunden vergehen wie im Fluge und schon sind wir wieder mitten im Gewusel an der Anlegestelle. Mit gut geleerten Taschen geht es zurück ins Auto und nach Hause. Auf der Bootsfahrt hatte Bibi mir erzählt, dass sie am Abend in ein Konzert gehen würde. A-ha ist in Mexiko auf Tour und tritt heute Abend im Auditorio Nacional auf. Bibi ist von einem Freund eingeladen, der aber noch eine weitere Karte besorgen könnte. Ob ich mitkommen möchte?! Klar, mache ich gerne! Na sowas, noch eine Überraschung 😀
Wir haben noch Zeit, uns zu Hause eine Stunde aufs Ohr zu legen (ich bin ziemlich müde von diesem sonnenreichen Tag), dann fahren wir mit der U-Bahn zwei Stationen bis zu der schönen Konzerthalle, der wir schon einmal bei einer unserer abendlichen Stadtfahrten einen kurzen Besuch abgestattet hatten. Bibi hat die zweite Karte erhalten und wir klettern auf einen der obersten Ränge. Der Freund sitzt ganz vorne und will sich mit Bibi nach dem Konzert treffen. A-ha, die bekannteste norwegische Popband, hatte ihre größten Hits im Jahr 1985, meinem Abijahr. Daher sind bei mir die Songs „Take on me“, „The sun always shines on TV” und “Hunting high and low” verknüpft mit der unbändigen Triumph- und Freiheitsstimmung meiner Abizeit.

(dass ich das erleben darf 😂)

Dass ich knapp 37 Jahre später in Mexico-City die Band mit ihrem stimmlich sehr beeindruckenden Leadsänger Morton Harket (ok, den Namen hätte ich vorher nicht gewusst 🙈) live hören würde, wäre mir nicht mal im Traum eingefallen. Cool ist es! Nach dem Konzert trifft sich Bibi noch mit ihrem Freund und ich will eigentlich mit der U-Bahn alleine nach Hause fahren, aber Elena wartet schon mit ihrem Auto vor dem Konzerthaus auf mich. Na gut, dann keine Selbständigkeit 🤷🏻♀️
Am nächsten Tag, meinem zweiten Sonntag hier, verschlafen wir! Oh Schreck, denn Filo wartet unten im Auto auf uns. Heute geht es nämlich zum Nevado de Toluca, einem erloschenen Vulkan, der rund 100 km südwestlich von Mexico-City liegt. Ich hatte den Wunsch geäußert, einen Vulkan zu sehen und Filo, diese unfassbar generöse Frau, erfüllt ihn mir prompt („Wenn sie einen Vulkan will, dann kriegt sie einen Vulkan!“).
Wir verzichten aufs Frühstück, beeilen uns, alles nötige zusammenzupacken (vor allem warme Sachen und meine Wanderstiefel) und sitzen mit 30minütiger Verspätung im Auto. Es ist ein bisschen ärgerlich, denn je früher man auf dem Berg ist, desto besser ist die Sicht. Zum Nachmittag soll es sich dort häufig zuziehen. Wir brauchen eine gute Stunde, bis wir am Horizont ein Massiv sehen, von dem ich annehme, dass es unser Vulkan ist. So ist es auch. Irgendwann führt uns die Straße den Berg hinauf und geht in eine staubige Schotterpiste über (Filo hatte ihren Wagen gestern waschen lassen – davon ist nach zwei Minuten nichts mehr zu erkennen 😀), bis wir den Eingang des Nationalparks erreichen, wo wir unser Auto stehen lassen müssen.


Wir steigen aus – und ich atme auf! Um uns herum nur Natur! Hohe Bäume, viele davon sind Pinien und Eichen, grünes Gras, reinste, klare Luft, der Berggipfel nur zu ahnen! Es ist herrlich!! Ich merke, wie sehr ich nach zwei Wochen Stadt dies hier vermisst habe! Ein bisschen Zivilisation gibt es hier doch, nämlich in Form von drei, vier kleinen Lokalen, in denen die Ausflügler sich stärken können. Das tun wir auch erstmal, hatten wir doch noch kein Frühstück.
Der Nevado de Toluca ist mit 4.690 Metern der vierthöchste Berg Mexikos. Sein letzter Ausbruch war ca. 1350 vor Christus, also ziemlich unwahrscheinlich, das er uns gefährlich werden könnte. Im Winter ist er schneebedeckt und man kann sogar etwas skifahren, habe ich gelesen. Es ist nicht schwierig, ihn zu besteigen und man hat – bei klarem Wetter – eine herrliche Sicht. Das Allerschönste aber sind seine beiden, türkisblauen Kraterseen. Ich freue mich riesig! Bisher war mein höchster Berg das Allalinhorn in den Waliser Alpen, mit 4.027 Metern der kleinste Viertausender in den Alpen. Nun gehts noch höher hinaus!
Allerdings nicht zu Fuß. Gut, das könnte man auch – wir sind gerade mal auf vielleicht 3.500 Metern, aber dafür reicht die Zeit und vielleicht auch die Kondition des ein oder anderen nicht. Nein, es stehen kleinere Lastwagen bereit, die die Touristen bis auf eine Höhe von ca. 4.165 Meter fahren.


Elena will nicht weiter nach oben und bleibt beim Auto, während Filo, Bibi und ich auf die überdachte Ladefläche eines Lastwagens klettern, wo schon einige andere Personen sitzen. Wir müssen noch warten, bis alle Plätze auf den schmalen Bänken besetzt sind, dann geht die Fahrt los. Und wie! Mit einem Affenzahn rast der Wagen die Piste hoch, der Fahrer weicht geschickt Schlaglöchern aus und wird eigentlich nur vor Kurven etwas langsamer. Ich sitze ganz außen und muss mich gut festhalten, damit ich nicht plötzlich über die niedrige Umrandung kippe. Aber es macht einen Heidenspaß! Mir gegenüber sitzt eine junge Frau aus Prag und unterhält sich ganz angeregt mit Bibi und einer gut gelaunten mexikanischen Familie. Ich bewundere ihr sicheres Spanisch und wünsche mir, wenigstens am Schluss meiner Reise zumindest annähernd so sprechen zu können.
Nach knapp einer halben Stunde sind wir auf einer Höhe von 4.160 Metern angekommen. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß weiter. Filo will nicht mit nach oben, sondern hier auf uns warten. Außer eine Toilette gibt es hier nichts.. und es ist schon ganz schön frisch, aber sie hat eine dicke Jacke an.

Bibi, Cristina, die Pragerin, und ich stiefeln los. Ein breiterer Weg führt in mäßiger Steigung gut 150 Meter hoch auf den Sattel des Kraters. Wir gehen langsam, denn die Luft hier oben sollte ja schon deutlich dünner sein. Ich merke aber, dass es mir nicht sonderlich viel ausmacht. Nach vielleicht 20 Minuten sind wir oben – und vor uns im Kraterboden liegen die beiden Seen: den Lago de la Luna, der kleinere, und den Lago del Sol, der größere. Mit Cristina kraxele ich noch einen Pfad höher, um einen besseren Blick auf den Lago del Sol zu bekommen. Der Anblick ist definitiv mein Moment des Tages.

Wir steigen zusammen auf einem steinigen Pfad gute 100 Meter hinunter zu dem See. Das Wasser ist zu meiner Überraschung nicht so kalt wie ich angenommen hatte. Zwischen zwei und sieben Grad beträgt die Temperatur, lese ich später. Inzwischen habe ich meine Daunenjacke ausgezogen und in T-Shirt und knielanger Hose fühle ich mich genau passend angezogen. Erstaunlich, bei der Höhe!




Wie gerne würde ich einmal rund über den Kraterrand wandern, aber dafür haben wir nicht die Zeit. Während Cristina sich schon verabschieden muss, da sie ihren Bus in Toluca rechtzeitig erreichen muss, laufen Bibi und ich zumindest halb um den See und ich genieße sowohl die Ruhe als auch die Erhabenheit dieses Berges, der vor langer, langer Zeit einmal Steine und Asche gespukt hat.







Nach mehr als dreieinhalb Stunden sind wir wieder bei Filo, die inzwischen halb erfroren ist! Oh mein Gott! Warum ist sie nur nicht mit einem der Autos wieder ins Tal gefahren? Das wollte sie nicht, denn sie konnte uns ja nicht erreichen und Bescheid sagen. Dass Bibi und ich durchaus schon große Mädchen sind, muss ihr dabei irgendwie entgangen sein… Wie auch immer, ich bewundere ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Opferbereitschaft!!

Mit dem nächsten Wagen fahren wir in einem erneut ziemlichem Tempo den Berg hinunter. Elena hat ihre Zeit immerhin in wärmeren Gefilden und in der Nähe von Nahrungsmitteln verbracht und ist entsprechend gut gelaunt.
Wir fahren Richtung Toluca, denn dort gibt es eine Spezialität Namens Torta, die ich unbedingt kosten muss. Natürlich stelle ich mir dabei etwas Süßes vor und bin nur bedingt einverstanden. Dann aber entpuppt sich die Torta de Tuluca als eine weitere Art Hamburger, die wahlweise mit roter oder grüner Chorizo, also Wurst, gegessen wird. Ha! Lecker 😋

Ein kleiner Bummel durch die Innenstadt (leider sind alle Kirchen schon geschlossen), ein Postre (Nachtisch) in Form einer gegorenen Milchspezialität (die ich überhaupt nicht mochte) und schließlich Ulli als ortskundige Führerin, die auf Anhieb das Parkhaus wiederfindet – damit lassen wir das Kapitel Toluca hinter uns und gute zwei Stunden später liege ich nach diesen ereignisreichen drei Tagen wie im Koma in meinem Bett.