28.03.-01.04.2022
Für diese Woche habe ich angekündigt, ein deutsches Essen zu kochen. Bibi hat sich Schnitzel mit Kartoffelsalat gewünscht! Das müsste hinzukriegen sein. Donnerstag soll das Dinner stattfinden und natürlich ist Filo dazu eingeladen.
Nach der Schule am Montag besuche ich zuerst mit Bibi das Museum Soumaya im Stadtteil Polanco. In diesem privaten Museum des mexikanischen Millionärs Carlos Slim werden in einer Dauerausstellung die Werke mexikanischer und europäischer Künstler gezeigt, unter anderem Bilder fast aller bekannten französischen Impressionisten aber auch Arbeiten von Cézanne, van Gogh, Picasso, Miró und Dalí. In der obersten Etage befinden sich 380 Skulpturen Rodins – das ist eine der weltweit umfangreichsten Skulpturensammlungen des Künstlers.



Im Anschluss an den Museumsbesuch gehen wir in eine Mall gleich nebenan und während Bibi eigene Besorgungen erledigt, versuche ich, in einem großen Supermarkt die Zutaten für den Kartoffelsalat und die Schnitzel zu finden. Gar nicht so einfach! Ich brauche festkochende Kartoffeln, aber es gibt nur eine Sorte. Ok, dann hoffe ich mal, dass sie nicht zu Brei verkochen. Dafür ist das übrige Gemüse- und Früchteangebot mehr als üppig. Soooo viele Orangen, Chili, Gemüsezwiebeln und Tomaten habe ich selten gesehen. Kleine Zwiebeln finde ich schnell und natürlich auch Limones.




An der Fleischtheke frage ich nach Kalbsschnitzeln, die es hier nicht gibt, sondern nur abgepackt in Kühlregal. Immerhin! Ich nehme mir vier Pakete mit jeweils drei sehr dünnen Schnitzeln und bin schon mal sehr zufrieden. Jetzt noch saure Gurken, weißen Balsamico, Olivenöl – alles kein Problem. Mehl und Eier hat Elena zu Hause, aber Paniermehl und Butterschmalz! Nach langer Suche hilft mir schließlich Bibi, die zu mir gestoßen ist, das Paniermehl zu finden. Butterschmalz allerdings ist nicht zu bekommen. Gut, dann muss es halt mit Öl gehen. Und eine Flasche Weißwein findet auch noch den Weg in meinen Einkaufswagen.

Am Dienstag entführt uns Filo abends in ein sehr berühmtes Restaurant, das Café de Tacuba, das 1912 eröffnet wurde und unweit des Zócalos liegt. Hierher verkehren viele Prominente ebenso wie mexikanische Politiker sowie mitunter auch internationale Staatsgäste. Heute ist das Lokal nicht voll besetzt, dafür spielt eine mexikanische Combo Livemusik. Wir bestellen einen kleinen Snack (mittags hatte uns Elena schon bekocht), der allerdings wesentlich größer ausfällt, als ich Hunger verspüre. Zu meinen zwei riesigen Quesadillas trinke ich eine köstliche Margarita Tamarindo .. ok, am Ende waren es sogar zwei 😋
Die Combo zieht von Tisch zu Tisch und spielt auf Wunsch (und gegen Trinkgeld) mexikanische Lieder. Bibi ist schon jetzt nicht zu bremsen und singt mit ansteigender Lautstärke mit. Sie ist ein riesiger Musikfan. Neben ihrem Studium der Architektur hat sie auch ein Musikstudium abgeschlossen, sie singt in mehreren Chören und spielt eine Reihe von Instrumenten. Nun ist unser Tisch an der Reihe und Bibi und Filo einigen sich auf das mexikanische Volkslied „México lindo y querido“. Allerdings darf der Drummer der Band nicht mitspielen – Filo ist strikt dagegen, denn ein Tamburin würde nicht zu dem Lied passen. Ok, der gute Mann gibt sich geschlagen und weil er ja nun nichts zu tun hat, fordert ihn Bibi zum Tanzen auf! Klar, dass alle Blicke im Lokal auf uns gerichtet sind. Doch nicht genug des Ganzen. Da Bibi auch bei diesem Lied lauthals mitsingt (während sie tanzt), fordert die Band sie auf, selber ein Lied zu singen. Sie wählt „La tequilera“, das von einer Frau handelt, die ihren Liebeskummer in Tequila ertränkt.

Sie bekommt donnernden Applaus – von allen Gästen und der Band! Vielleicht ja auch ein neues Jobangebot?!
Auch am Mittwoch sind wir mit Filo unterwegs. Sie hat ihrer Nichte Veronika versprochen, sie zu einem Mazda Händler zu fahren, wo Veronikas neues Auto abgeholt werden kann. Dabei sollen wir alle sie begleiten. So schleichen wir durch den Feierabendverkehr, holen erst Vero von ihrer Arbeit ab (eine ganz entzückende junge Dame, die sich unnötigerweise für Englisch entschuldigt) und müssen bei dem Händler noch einige Zeit warten, bis unter dem Applaus aller Angestellten das Tuch vom Auto gezogen wird und eine glücklich strahlende Vero in ihrem ersten, vom eigenen Geld bezahlten Auto sitzt.

(Vero wird übrigens Bero ausgesprochen 🙃 – wir sprechen hier ja schließlich spanisch)
Anschließend fahren wir in ihrem Auto zu ihr nach Hause. Vero wohnt in einer sehr netten, zentralen Wohnanlage in einer hübschen kleinen Wohnung, die sie sich mit ihrem kleinen Hund und Sergio, ihrem serbischen Freund, teilt. Dieser kommt nach einer Dreiviertelstunde mit Essen, das Vero für uns bestellt hat. Sie selber isst nichts, denn sie versucht eisern, Diät zu halten. Dabei ist Vero nun wirklich sehr schlank! Inzwischen weiß ich, dass die Mexikaner das dickste Volk der Welt sind. Ich kann Vero gut verstehen und auch, dass sie es so ungerecht findet, dass ihr Freund überhaupt kein gesundes Essen mag und dabei dünn wie eine Bohnenstange ist, während sie auf alles Leckere verzichtet und auch noch Sport macht und trotzdem mit dem Pfunden zu kämpfen hat. Ich merke ja selber seitdem ich hier bin, dass es nicht leicht ist, kalorienarm zu essen. Und morgen gibt es Schnitzel mit Kartoffelsalat … 🙈
Am Donnerstag bin ich pünktlich von der Schule zurück und stürze mich gleich in die Essensvorbereitung. Elena assistiert mir etwas und schnippelt für den Kartoffelsalat zwei Gläser saure Gurken in dünne Scheibchen. Vor allem muss sie mir aber zeigen, wo ich was in ihrer Küche finde. Diese Küche ist nicht besonders groß, aber sie hat praktischerweise einen kleinen Balkon, auf dem die Waschmaschine steht und der extra Abstellfläche bietet. Und… ganz wichtig, man kann die Tür weit öffnen, was in dem Moment wichtig wird, als ich anfange, die Schnitzel zu braten. Denn die Dunstabzugshaube funktioniert nicht. Der Ofen leider auch nicht, er ist voll gestellt mit Plastikgefäßen. Aber nicht so schlimm, es gibt noch einen kleinen Grill, in dem wir die Schnitzel warm halten. Mit von der Partie ist heute auch Hermé, die reizende Haushaltshilfe von Elena. Sie ist ein wahrhaft kleines Persönchen, strahlt über das ganze Gesicht und freut sich über mich und meine Kochversuche.
Schließlich steht unser Abendessen auf dem Tisch und auch wenn die Kartoffeln doch ziemlich matschig geworden sind, schmeckt es allen ausgezeichnet. Sagen sie zumindest. Aber, in aller Bescheidenheit, das Essen ist mir tatsächlich ganz gut gelungen 😇


Da ich am Freitag schulfrei habe (in der Schule finden den ganzen Tag Prüfungen statt), nutzen wir den Tag und fahren, natürlich zu viert, in Filos Auto in den Nordosten von Mexico-City, um dort das berühmte Teotihuacán zu besichtigen.
Ich zitiere jetzt einmal Wikipedia, um euch etwas mehr Hintergrundwissen über diesen beeindruckenden Ort zu geben. „Teotihuacán ist eine der bedeutendsten prähistorischen Ruinenmetropolen Amerikas, die vor allem für ihre Stufentempel wie etwa die große Sonnenpyramide bekannt ist. Die archäologische Stätte gehört seit 1987 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das Gebiet von Teotihuacán war bereits seit dem sechsten Jahrhundert v. Chr. permanent bewohnt. Zwischen 100 und 650 n. Chr. bildete die Stadt das dominierende kulturelle, wirtschaftliche und militärische Zentrum Mesoamerikas. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung hatte sie möglicherweise bis zu 200.000 Einwohner. Sie war zu ihrer Zeit die mit Abstand größte Stadt auf dem amerikanischen Kontinent und eine der größten der Welt. Ab etwa 650 schwand ihre Bedeutung, bis sie um 750 aus nicht vollständig geklärten Gründen weitgehend verlassen wurde. Ihre kulturellen Einflüsse prägten Zentralmexiko aber noch bis zur spanischen Eroberung Mexikos. Weil Teotihuacán keine geschriebene Sprachekannte, sind Erkenntnisse über diese Kultur nur aus der Interpretation von archäologischen Funden ableitbar.
Die Azteken fanden Teotihuacan bei ihrer Einwanderung ins Hochland von Mexiko bereits als Ruinenstadt vor, die seit Jahrhunderten verlassen war. Sie sahen in ihr einen mythischen Ort und gaben ihr den bis heute fortlebenden Namen Teotihuacan (Tēotīhuacān), der so viel bedeutet wie Wo man zu einem Gott wird.
In der Stadt wird seit Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert gegraben. Ab etwa 1900 fanden professionellere, wenn auch zunächst archäologisch laienhafte, Ausgrabungen statt.“
Es ist sehr heiß heute und da wir gleich stundenlang der prallen Sonne ausgesetzt sein werden, präparieren wir uns mit Sunblocker und Hut. Das Areal ist riesig und wir beginnen mit der Ciudadela, einer Palast- und Tempelanlage, die dem Gott Quetzalcoatl, was soviel heißt wie gefiederte Schlange, geweiht war. Wir überqueren einen großen Platz, auf dem vielleicht 100.000 Menschen Platz finden würden, und gelangen zum Tempel.

Mit Filo und Bibi klettere die Stufen hoch. Es sind nicht so viele und es geht ziemlich gut. Oben angekommen, werfe ich einen Blick hinunter und mir wird ganz schlecht. Es ist fürchterlich steil! Und die Stufen sind ganz schmal! Das konnte man von unten gar nicht so sehen. Wie komme ich denn hier wieder runter? Ich bin zwar im Prinzip schwindelfrei, aber hier würde ich für nichts garantieren. Ich erinnere mich daran, was Elisabeth von ihrer Mexiko Reise erzählt hat. Dass sie nämlich auf dem Po von einer Pyramide heruntergerutscht ist. Ach du je… das werde ich hier wohl auch machen müssen.
Erst mal zögere ich aber den Abgang noch hinaus und schau mich hier oben um. Ich klettere auch ein paar Stufen weiter, sowohl rauf wie runter und kann von einer Art Tribüne auf den hinteren Teil der Anlage schauen. An vielen Stellen befinden sich Skulpturen, die einen Schlangenkopf oder auch eine komplette Schlange darstellen.





Irgendwann entscheide ich mich dann doch, den Rückweg anzutreten. Ich bin nicht alleine hier oben und sehe, wie andere Touristen sowohl mit der Povariante als auch auf zwei Beinen die Stufen bewältigen. Ok, ich versuche es! Und werde nicht nach unten, sondern nur auf die Stufen schauen. Tatsächlich, es ist nur halb so schlimm. Die Stufen reichen gut für meine Füße und Schritt für Schritt komme ich sicher unten an 😇


Über die gut 2 km lange Straße der Toten gehen wir auf den Hauptkomplex zu, steigen zwischendurch aber über etliche Treppendämme, die zu kleineren Plätzen und Anlagen gehören. Schließlich erreichen wir das Zentrum der ehemaligen Stadt, die Sonnenpyramide. Ca. 100 n. Chr. erbaut, ist sie mit einer Grundfläche von 222×225 Metern und einer Höhe von 65 Metern nach der Pyramide von Cholula die zweitgrößte des amerikanischen Kontinents. Covid macht’s nicht möglich – die Pyramide darf nicht bestiegen werden und ist daher gesperrt. Ich schaue auf die Stufen und denke, dass ich die nun locker bewältigen würde nach meiner Vorübung gerade. Aber insgeheim bin ich auch nicht furchtbar traurig darüber, in dieser Hitze nicht noch größere Anstrengungen zu meistern. In ihrem Kern besteht die Pyramide aus Lehmziegeln und Basalt, während die Außenhaut mit Stuck überzogen und großflächig bunt bemalt war, wovon heute aber nichts mehr erhalten ist. Forschungen haben ergeben, dass die Pyramide eventuell einer „Großen Göttin“, wohl einer Fruchtbarkeitsgöttin, geweiht war, von der es einige Abbildungen in anderen Zusammenhängen gibt. Da 1968 eine Höhle unter der Pyramide gefunden wurde und Höhlen als typisch weibliches Symbol gelten, geht man also davon aus, dass diese Große Göttin hier verehrt wurde.

Wir gehen noch einige Hunderte Meter weiter und erreichen am nördlichen Ende der Straße der Toten eine weitere, kleinere Pyramide, die Mondpyramide. Auch unter ihr wurden Kammern gefunden, in denen sich menschliche Überreste befanden. Und wie gerade eben schon ist auch die Mondpyramide nicht zu erklettern. Gut, dann machen wir davor aber immerhin Fotos.


Und wir besichtigen den linkerhand liegenden Quetzalpapalotl-Palast, in dessen wenigen zugänglichen Räumen noch ein bisschen Stuck und Malerei erhalten ist.


Auf unserem Weg hierher sind wir an etlichen Händlern vorbeigekommen, die neben schrillen Pfeifen, die das Brüllen eines Jaguars imitieren, diversem Schmuck, aztekischen Figuren und Masken, Taschen in allen Größen und etlichem mehr auch Textilien, nämlich große, bunte Decken anbieten. Mir gefallen diese wundervoll farbigen, mit indianischen Mustern versehenen Decken und sehe schon eine davon auf meinem Eßzimmertisch liegen. Ich habe einen sehr langen Tisch, erkläre ich sowohl Bibi als auch einem der Händler, so dass dieser etliche schöne Decken ausbreitet. Eine davon gefällt mir ganz besonders. Leider ist sie nur 2,5 Meter lang, 3 Meter müssen es aber schon sein. Der Händler will sich das Geschäft nicht entgehen lassen und bietet an, aus seinem Auto, das nicht weit weg sei, eine solche Decke in 3 Metern Länge zu holen. Wir warten im schmalen Schatten einer Mauer, bis er schließlich nach 20 Minuten zurückkehrt. Doch alle Decken, die er mitbringt, haben nicht das gleiche Muster und die gleichen Farben. Er fragt noch – erfolglos – bei seinen Kollegen, und um uns nicht alle überzustrapazieren, entscheide ich mich letztendlich, die 2,50 m Decke zu kaufen. Dann kommt sie halt auf meinen Küchentisch. Auch gut 😊
Wir machen uns auf den Rückweg zum Ausgang und sammeln zwischendurch Elena und Filo ein. Elena ist die ganze Zeit irgendwo an einem Fluss im Schatten der Bäume geblieben und Filo hat uns zwar bis zur Mondpyramide begleitet, ist dann aber vorzeitig zu Elena zurückgekehrt. Nach dreieinhalb Stunden in der Hitze kehren wir nun in eines der Restaurants ein, die an der Zufahrt zu der archäologischen Stätte liegen. Nach einer Stärkung am warmen und kalten Buffet, ruhen wir uns im Garten des Restaurants noch ein wenig aus. Denn! der Tag ist noch nicht zu Ende und als die Sonne sich für diesen Tag verabschiedet, machen wir uns auf den Rückweg in die Stadt.

Eine Stunde später erreichen wir die Plaza Garibaldi, die in der nördlichen Altstadt liegt. Hier darf ich mexikanische Folklore kennenlernen 🙂 Zum einen in Gestalt von Mariachis, mexikanischen Volksmusikanten, die in traditioneller Tracht und mit traditionellen Instrumenten Besuchern auf der Plaza Garibaldi ihre Dienste anbieten. Das sieht dann so aus:

Liebespaare (oder auch normale Menschen 🙃) können sich bei den Musikern Lieder bestellen, die dann inbrünstig gespielt werden. Mariachis können auch für Veranstaltungen und Feste gebucht werden, ansonsten stehen sie Abend für Abend auf dem Platz und versuchen, ihre Lieder an den Mann oder die Frau zu bringen.

Sie haben nicht gespielt 😊
Ich bin sehr fasziniert von dem bunten Treiben, aber unser Ziel ist nicht dieser Platz, sondern ein bestimmtes Lokal. Dort befindet sich eine große Bühne, um die herum mit wenig Abstand die Tische platziert sind. Wir bestellen Getränke und, natürlich, wieder etwas zu Essen (nur eine Kleinigkeit 😉) und schon geht die Show los. Eine Band, zwei Solointerpretinnen, eine vierköpfige Tanzgruppe, die auch ganz hervorragend steppen kann, und ein Lassowerfer, der meisterlich mit dem langen Seil zu tanzen weiß, unterhalten die Gäste auf kurzweilige Art. Die Lieder, die die beiden rassigen Sängerinnen vortragen, sind natürlich alles Volkslieder, die der ganze Saal lauthals mitsingen kann. Wir amüsieren uns ausgezeichnet, ich genieße mal wieder diese überbordende Farbenpracht und Energie und bin meiner mexikanischen Familie so dankbar für alles, was sie für mich tut.

