Viva México 3

26.-27.03.2022

Mit kleinem Gepäck brechen Elena, Filo, Bibi und ich am Samstag morgen nach Puebla auf. Wir brauchen eine komplette Stunde, bis wir die Stadt hinter uns gelassen haben. Und dass obwohl die reine Strecke nur 40 Kilometer beträgt. Aber es sind einfach alle Straßen verstopft. Ein Wunder, dass überhaupt etwas vorab geht. Sobald wir aber auf dem Highway sind, haben wir fast freie Bahn. Filo steuert ihr Auto sehr sicher und, was das Reisen sehr bequem macht, es ist ein schicker, neuer Madza mit viel Komfort und Extraausstattung.

Auf unserer linken Seite erscheinen irgendwann – in weiter Ferne – die majestätischen Gipfel der beiden Vulkanmassive Popcatépetl und Iztaccíhuatl. Ersterer ist noch ziemlich aktiv. Sein letzter Ausbruch war vor gerade mal zwei Jahren, allerdings ohne größere Schäden. Iztaccíhuatls letzter Ausbruch liegt dagegen schon mehr als 100 Jahre zurück. Ich versuche, den Namen auszusprechen, aber meiner deutschen Zunge fällt es ganz schön schwer. Popocatépetl dagegen kann ich 🙂 (kennt man ja auch). Bibi erzählt mir die Sage, wie es zu der Namensgebung kam:

Die Sicht ist nicht ganz klar, aber doch ist der Popocatéptl aus dem Autofenster ganz gut zu erkennen

In der Mythologie der Azteken war Iztaccíhuatl eine Prinzessin, die sich in Popocatépetl, einen der Krieger ihres Vaters, verliebte. Ihr Vater sandte den Krieger in einen Kriegszug, versprach ihm aber die Hand seiner Tochter, wenn er zurückkehren und ihm den Kopf des Feindes bringen würde (was der Vater jedoch nicht glaubte). Nach mehreren Monaten kehrte ein Krieger, der Popocatépetl hasste, zurück und überbrachte die falsche Nachricht, dass der Krieg zwar gewonnen, Popocatépetl aber gefallen sei. Iztaccíhuatl verfiel daraufhin in einen so tiefen Schmerz, dass sie nach wenigen Tagen starb. Als Popocatépetl aber zurückkehrte, starb er wiederum aus Kummer darüber, seine eliebte verloren zu haben. Die Götter bedeckten die beiden mit Schnee und verwandelten sie in Berge. Der schneebedeckte Berg Iztaccíhuatl wird deshalb auch „schlafende Frau“ (Mujer dormida) genannt, da er einer auf dem Rücken liegenden Frau ähnelt. Popocatépetl wurde zum Vulkan, der aus Zorn über den Verlust der Geliebten Feuer speit. Hach – wie schön!

Unser erstes Ziel ist Cholula, ein sehr touristischer Vorort von Puebla. Dort befindet sich nämlich eine der größten Mayapyramiden, wohl weltweit die größte Pyramide überhaupt. Allerdings ist sie zerstört – ob dies Werk der Spanier war oder schon vorher passierte, ist nicht mehr bekannt. Von der einstigen Größe ist nur noch ein Erdhügel übrig, auf dem die Spanier nichts Besseres zu tun hatten, als … ja, na klar, eine Kirche zu bauen. Christentum übertrumpft den indianischen Glauben 😔 Das Santuario de Nuestra Señora de los Remedios ist – natürlich – Maria geweiht und ein Wallfahrtsort.

Der Weg vom Parkplatz zur Kirche führt vorbei an etlichen kleinen und größeren Geschäften, die alles bieten, was das Touristenherz begehrt. Zahlenmäßig noch mehr vertreten sind aber die vielen Straßenhändler, die ebenfalls alles mögliche und unmögliche anbieten. Unter anderem in großen, randvoll gefüllten Eimern Chapulines. Und Chapulines sind … Heuschrecken! Zum Glück nicht lebendig (ich erinnere mich noch an die Heuschreckenplage vor zwei Jahren in Tansania), sondern schön geröstet und kross 🙂 Ich werfe nur einen Blick darauf, schon fragt mich Filo, ob ich probieren möchte. Nun gut, klar! Mit einem Spritzer Zitrone schmeckt es dann auch … ganz ok. Ein großer Chapulinenfan werde ich nicht, aber es sind sehr gute Proteine!

Dann erklimmen wir die vielen Stufen zur Kirche hoch und haben von oben einen schönen Ausblick auf die Gegend. Man sieht nun auch den dritten, erloschenen Vulkan, der Puebla umgibt, den 4.420 m hohen Malinche, der nach der indianischen Geliebten und Dolmetscherin des spanischen Eroberers Hernán Cortés benannt wurde. Die Kirche selber ist mir viel zu golden und überladen, außerdem nehme ich den Spaniern ihre arrogante Haltung gegenüber den mexikanischen Eingeborenen übel. Mich interessiert mehr die Pyramide, von der noch Reste erhalten sind. Archäologen haben kilometerlange Tunnel freigelegt, von denen einige auch begangen werden können. Da dies aber einige Zeit in Anspruch nehmen würde und mir noch viel mehr gezeigt werden soll, verzichten wir also darauf.

Der verbliebene Rest der einst größten Pyramide der Welt

So machen wir uns auf den Weg ins Zentrum von Puebla. Filo parkt den Wagen mitten am zentralen, prachtvollen Platz (auch hier heißt er Zócalo) im Schatten der Bäume und weil dies kein regulärer Parkplatz ist, bleibt sie im Auto und wartet, bis wir wir die Kathedrale besichtigt haben.

Die Catedral de Puebla

Diese Kirche ist sehr imposant und die zweitgrößte in Mexiko (nach der in México-City). Sie gefällt mir schon besser, aber auch sie ist überaus prunkvoll und ihr Baustil aus der spanischen Spätrenaissance ist mir etwas too much. Sie ist von einer großen Anzahl steinerner Engel umgeben, die auf Säulen einer niedrigen Kirchenmauer über die Kathedrale wachen. Auch auf dem Zócalo gibt es einen Engel, der auf dem mittigen Brunnen thront – und Wasser speit 🙂 Die Stadt wird nicht nur deshalb Puebla de los Ángeles genannt. Anschließend kauft Elena bei einem Händler in den Arkaden, die sich auf einer Seite des Platzes befinden, einige Süßigkeiten, denn Puebla ist für seine Dolces berühmt. Zweites Aushängeschild sind die vielen bunten Talavera-Kacheln, mit denen Wände und Häuser geschmückt sind. Sie stammen von einheimischen Künstlern, die das lokale Design mit orientalischen und europäischen Stilrichtungen verschmolzen haben.

In einem kleinen Laden kaufe ich mir noch schnell eine Flasche Wasser, die 10 Pesos kosten soll. Ich bezahle mit einem Schein und steige zu den anderen ins Auto. Da kommt die Verkäuferin aus dem Geschäft gelaufen und wedelt mit der Banknote. Ich wundere mich, aber es klärt sich rasch auf: Ich hatte aus meinem Portemonnaie einen 10-Dollar-Schein gefischt und mit diesem bezahlt! Etwas erschüttert über meinen Irrtum bin ich der ehrlichen Frau überaus dankbar – wäre dies doch ein super teures Wasser für mich geworden. Das kommt davon, wenn man sich mit einer Währung nicht richtig auskennt. Am Abend verbanne ich dann das amerikanische Geld aus meinem Portemonnaie, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann.

Elena hat noch nicht genug Süßigkeiten, daher fahren wir jetzt in eine bestimmte Straße, in denen jedes Geschäft die berühmten Spezialitäten anbietet. Sie kauft einen großen Beutel voll verschiedenster Dulces und gibt ein ganzes Vermögen dafür aus. Ich frage mich, wer das nur alles essen soll?! Auch ich kaufe mir ein wenig, denn der Anblick ist schon sehr verführerisch, aber ich befürchte, dass alles furchtbar süß ist.

Sehr bunt und sehr süß

Nun haben wir Hunger und ich soll unbedingt eine weitere Spezialität kennenlernen: Cemitas. Noch weiß ich nicht, was das ist, aber wir kurven schon seit einiger Zeit durch mir etwas suspekte Straßen, was die Sache natürlich spannender macht. Schließlich haben die Damen doch das richtige Lokal entdeckt und wir nehmen tatsächlich in einer Art Schnellrestaurant an einem kleinen Plastiktisch auf Plastikstühlen Platz. Ich bin mehr als verwirrt und erstaunt. Es ist zum einen knüppeldicke voll hier und zum zweiten echt schmutzig. Der Boden besteht fast nur aus Essensresten und auch wenn ich diesmal echt dankbar für den Hygienefimmel meiner mexikanischen Familie bin – selbst nach der Reinigungsaktion des Tisches mit literweise Desinfektionsmittel fühlt sich dieser nicht wirklich sauber an. Oha!

Bei einem Blick auf die Nachbartische ist mir auch klar, warum es hier so aussieht. Cemitas sind eine Art überproportionierte Hamburger (Bibi würde an dieser Stelle protestieren, aber ich finde den Vergleich durchaus gerechtfertigt), zwischen deren weichen Brothälften statt eines Hackfleischpattys ein ca DIN A5 großes, mega fettiges Schnitzel in Salsa, Salat, Gemüse und einer Übermenge an Käse eingebettet ist. Das Gericht kann man gar nicht essen, ohne das etwas heraus- und herunterfällt. Das schaffe ich niemals aufzuessen! Dachte ich… aber dann ging’s doch. Es war echt lecker und groß gekleckert habe ich auch nicht 😉

Das Sightseeingprogramm ist noch nicht ganz zu Ende. Wir fahren in den modernen Teil Pueblas, stellen fest, dass das Riesenrad dort leider wegen Corona geschlossen hat und laufen ein wenig durch einen modernen Stadtpark, bevor wir uns auf den Weg nach Tlaxcala machen, wo Elenas und Filos Schwester Sophia wohnt, in deren Haus wir heute zum Übernachten eingeladen sind.

Die Fahrt dauert nochmal eine halbe Stunde und im Dunkeln erreichen wir schließlich das Haus, das auf einem Hügel in einer besser situierten Wohngegend liegt. Es ist wie fast alle Häuser von einer Mauer mit einem großen Tor umgeben. Sophia und ihr kleiner Hund Robin begrüßen uns herzlich, Sophia mit Abstand und Maske (die wir natürlich auch tragen), Robin dagegen mit übersprudelnder Energie, Gebell und Hochspringen. Ich bekomme ein großes, schönes Zimmer zugeteilt, es ist das frühere Zimmer von Sophias Tochter, während Bibi, Elena und Filo sich das Gästezimmer teilen. Das ist mir sehr unangenehm – Elena schläft auf einer Matratze auf dem Boden! – aber ich kann es nicht ändern.

Ich bin zwar ziemlich müde, aber es war schon vorab besprochen, dass wir heute Abend mit Sophia Karten spielen. Ich hatte irgendwann mal erwähnt, dass ich gerne spiele, und Filo und Elena waren gleich begeistert, einen vierten Mitspieler zu haben, wenn wir bei Sophia sind. Wir spielen International – ich kenne es zwar nicht, aber die Regeln sind ähnlich wie bei Rommée und Phase 10 nicht schwer. Allerdings werde ich von den Damen dermaßen abgezogen, dass ich haushoch verliere. Der Spruch, mit dem ich mich tröste – „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“, ist neu für meine Gastgeber und löst einige Heiterkeit bei den drei alleinstehenden Frauen aus.

Sophia ist nämlich verwitwet und das auch erst ganz frisch. Oscar, Sophias Mann, war ein bekannter Arzt und hat im städtischen Krankenhaus der Stadt gearbeitet. Seit 2020 behandelte er Corona Patienten, bis ihn im Herbst 2021 die Krankheit selber ereilte und er daran verstarb. Noch ein weiterer Verwandter von Elenas großer Familie ist an Corona verstorben. Daher kann ich ihre große Vorsicht vor dem Virus gut verstehen. Bibi hatte mir schon in den ersten Tagen erzählt, dass Mexiko aktuell rund 324.000 Coronatote zu beklagen hat. Statistisch liegt das Land damit mit einer erschütternden Letalitätsrate von 6,12% weltweit an der Spitze. Auf dem zweiten Platz liegt Brasilien mit „nur“ 2,26%. Das sagt alles. Gründe dafür sind auf der einen Seite das schlechte Gesundheitssystem und die hohe Bevölkerungsdichte, aber im besonderen das eklatante politische Versagen der Regierung, die immer noch keine effektive Pandemie-Strategie oder vernünftige Präventionsmaßnahmen verfolgt. So spielt der amtierende Präsident Andrés Manuel López Obrador (AMLO abgekürzt) die Krankheit bis zum heutigen Tage in unverantwortlicher Weise herunter, trägt auch in der Öffentlichkeit nie eine Maske und macht solche Dinge seinem Volk weiß, dass beten nützlicher sei als Abstand zu halten. !!!

Mein Frühstück am Sonntag

Am nächsten Tag, dem Sonntag, steht erstmal Tlaxcala auf dem Programm. Wir frühstücken alle, also mit Sophia, in einem Restaurant, wo ein mexikanisches Buffet mich dazu verleitet, mehr zu essen, als ich es normalerweise morgens tue. Aber es schmeckt auch zu gut! Gestärkt gehts dann zum Zócalo Tlaxcalas, wo wir im Regierungspalast eine Führung erhalten. Zu besichtigen gibt es dort nämlich grandiose Wandgemälde auf insgesamt 450 Quadratmetern, die die Geschichte Mexikos darstellen. Ich bin voll begeistert davon, denn die Bilder veranschaulichen einprägsam das Leben der Azteken, ihre Traditionen und Gebräuche, die Ankunft der Spanier, die vielen Kämpfe und schweren Verluste auf beiden Seiten und der letztendliche Sieg der Spanier.

Der Regierungspalast des Bundesstaates Tlaxcala, dem flächenmäßig kleinsten in Mexiko

Sophia zeigt uns noch im Obergeschoss die Portraits der Bürgermeister von Tlaxcala. Die letzten bestimmt fünf kennt sie persönlich, denn sie ist Psychologin und hat als Leiterin eines Nationalen Instituts für ältere Menschen mit ihnen persönlich zusammengearbeitet. Allerdings sagt sie, dass nur einer von ihnen ein guter Mann gewesen sei. Alle anderen wären korrupt und teilweise sogar schwer kriminell gewesen. Das hinterlässt bei mir doch eine gewisse Bestürzung und Nachdenklichkeit. Klar weiß ich, dass …

Wieder draußen genießen wir noch etwas die wohltuende Sonne auf dem schönen, grünen Platz. Die angrenzende Kirche können wir nicht besichtigen, da sie bei dem Erdbeben 2017 beschädigt wurde und noch immer repariert wird. Einige Straßenhändler sitzen unter Sonnenschirmen oder im Schatten der Häuser und ich nehme mir ein Beispiel an Filo und Elena, die ich gestern beobachtet habe, wie sie bei vielen Händlern stehen bleiben und zumindest ein paar freundliche Worte wechseln, wenn sie nicht etwas kaufen. Eine Frau fasziniert mich, die mit sehr flinken Fingern aus rosa Bändern eine Tasche flechtet. Sie erklärt, dass die rosa Bänder nicht etwa aus Plastik, sondern in Streifen geschnittene und gefärbte Palmblätter sind. Sie braucht ca. 3 Stunden für eine Tasche – wow, das ist schnell. Ich würde ja gerne eine kaufen, aber sie definitiv zu groß für mein Gepäck. Bibi gefällt eine sehr bunte Tasche und so freue ich mich, sie ihr kaufen zu können.

Schon gestern sind wir auf dem Weg zu Sophia an einer schönen Treppe mit Wasserbecken vorbeigekommen. Jetzt fahren wir dorthin und ich werde aus dem Auto gescheucht, damit ich die Aussicht auf die Stadt von oben genießen kann. Immerhin, Bibi kommt mit. Es ist schon ziemlich heiß und die vielen Stufen bringen mich ganz schön zum Schwitzen. Aber oben wird man tatsächlich mit einer schönen Aussicht belohnt und der Anblick auf das blaugrüne Wasser zwischen den Stufen ist wirklich schön.

Weiter geht es zur Kathedrale der Stadt, die auf einem Hügel liegt und die mich nun wirklich begeistert. Sie ist ein Franziskanerkloster aus dem frühen 16. Jahrhundert und gehört seit 2021 zum Weltkulturerbe. Die Kirche ist eher schlicht und erhaben, hat eine wunderschöne Holzdecke, gut, auch ein paar goldene Altäre, aber nicht furchtbar überladen, und ist definitiv meine Lieblingskirche in Mexiko.

Die nächste Kirche dagegen.. puhhhh. Es ist die Basilika der Jungfrau von Ocotlán und nicht nur, dass es hier praktischerweise eine Marienerscheinung gab (um die ungläubigen Heiden zum richtigen Glauben zu bekehren, ist sowas immer ganz nützlich), sie ist definitiv die goldigste Kirche, die ich je gesehen habe. Mir wird ganz schwindelig von all dem Gold. Wir kommen gerade zum letzten Teil der Messe (es ist ja immer noch Sonntag) und können im Anschluss noch das Heiligtum besichtigen. Ach… das ist alles nicht so meins.

Auf dem Platz vor der Kirche verteilt ein Priester Heftchen über die dritte Offenbarung von Fatima, mit dem Hinweis, dass darin alles über die aktuelle Entwicklung der Kirche in Deutschland stehen würde. 😳😳😳 Ich versuche, mich mit ihm darüber zu unterhalten, aber sein Englisch ist plötzlich nicht mehr ausreichend und er drückt mir nur das Heftchen in die Hand mit der Aufforderung, es zu lesen, dort würde alles stehen. Na toll! Filo hat dagegen ein anderes Anliegen an ihn. Ob er vielleicht ihr Auto segnen könne. Oh ja, das macht er doch gerne. So holt er schnell ein Weihwassergefäß, ich werde gedrängt, ihm zu assistieren und das Gefäß zu halten, und mit ein paar salbungsvollen Segenssprüchen und etlichen Spritzern Weihwasser außen und innen kann nun dem Auto und seinen Insassen nichts mehr zustoßen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass nach diesem „Service“ einige Pesos ihren Besitzer wechseln. Aber gut, es war ja Filos Wunsch 😊

Und nun geht es aus der Stadt hinaus nach Huamantla. Wir fahren bestimmt eine gute halbe Stunde und erreichen schließlich die Hacienda Soltepec, die als letzter Punkt auf unserem Sightseeingprogramm steht. Im Hof findet ein kleiner Markt statt, aber wir sind etwas zu spät, denn die meisten Händler räumen ihre Sachen schon ein. Pulque gibt es allerdings noch genug und so komm ich in den Genuss, dieses mexikanische Nationalgetränk zu kosten. Es wird aus dem fermentierten Saft von Agaven hergestellt und hat einen Alkoholgehalt zwischen 2% und 6%. Pulque sieht aus wie Milch, also eigentlich ganz appetitlich, aber auch wenn es schon die Azteken tranken und es alle mögen, mir schmeckt es nicht so wirklich. Ok, dann vielleicht etwas Härteres? An einem Stand wird Mezcal angeboten, ein Schnaps, der wie Tequila aus Algaven hergestellt wird, mir aber zu stark ist. Schließlich fällt mein Blick auf einen Stand mit Eis – aus Pulque. Mir werden sofort Kostproben angeboten und weil ich mir ja vorgenommen habe, immer auch etwas zu kaufen, erstehe ich einen Becher mit grünem Pulqueeis. Und es schmeckt mir auch 🙂

Pulque Tasting
Die Hacienda Soltepec in Huamantla

Die Hacienda beherbergt ein Hotel und ein Restaurant und da wir alle etwas hungrig sind, lassen wir uns an einem Tisch in dem üppig begrünten Patio nieder. Nach längerer Diskussion einigen wir uns darauf, dass diesmal ich bezahle. Yes! Ich esse ein aztekisches Hühnchen – natürlich sehr lecker – und als Nachtisch gibt es …. Keine Ahnung, wie wir darauf gekommen sind, aber das Gespräch dreht sich über Erinnerungen. Filo ist felsenfest davon überzeugt, dass ihr Vater ihr, als sie noch klein war, eines Abends Aurora Borealis, also Nordlichter, gezeigt hat. Dabei ist es komplett unmöglich, in Mexiko Nordlichter zu sehen. Das weiß auch Filo. Aber sie hat eine so lebhafte Erinnerung an diesen Abend, dass sie sie für real hält. Elena, Sophia und Bibi kennen natürlich diese Geschichte. Sie sorgt regelmäßig für ausufernde Streitgespräche in der Familie. Und auch das gehört zur Tradition: wenn Filo mit den Nordlichtern kommt, dann erzählt Elena, dass sie in ihrem früheren Leben die Reina Isabella von Spanien war. Sollte es so etwas wie Reinkarnation geben, hielte ich das sogar durchaus für möglich 😉 Elenas ganzes Auftreten zeigt tatsächlich königliche Allüren 🙂 Sophia, um nicht zurückzustehen, setzt noch einen drauf. Sie sei der Überzeugung, einer der sieben Zwerge gewesen zu sein. Mir ist sofort klar, welcher, sage ich! Bei dem vielen lauten Geniese am Morgen (ich habe bestimmt fünf Mal salud, Gesundheit gesagt), kann sie nur Hatschi sein 🙈 Diese ganze Unterhaltung wird vorwiegend in Spanisch und nur wenig in Englisch geführt und ich bin sehr froh, dass ich inzwischen schon einen großen Teil verstehen kann 🙂

Nachdem wir Sophia nach Hause gebracht haben, machen wir uns auf den Heimweg. Von einem gewissen Punkt auf dem Highway hat man einen grandiosen Blick auf die riesige Stadt – ok, nur auf einen kleinen Teil von ihr. Aber es sieht wieder gigantisch aus, dieses funkelnde Lichtermeer.

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