22.-25.03.2022
Am Dienstag ist nun mein erster Schultag. Krass – ich gehe wieder zur Schule! Nein, nicht wirklich gehen, denn Bibi hat zwei Fahrräder und ich bin begeistert, dass sie mir eines für den Schulweg leihen wird. Sie begleitet mich an diesem ersten Tag und mahnt zu größter Vorsicht, denn die Autofahrer in México City seien brutal rücksichtslos. Mit Helm bewaffnet radeln wir um kurz nach halb zehn los und sind schon nach gut 10 Minuten bei der Schule. Diese liegt im Stadtteil Condesa, von dem mir Daniel im Januar berichtet hat, dass dieses ebenso wie Polanco und Coyoacan zu den tollen, beliebten und sehr sicheren Vierteln gehört. Das International House, wie die Schule heißt, befindet sich in einem gelben, traditionellen Gebäude mit klitzekleinem Vorgarten und einem Türsteher, der mir und meinem Rad freundlich Einlass gewährt – allerdings erst, nachdem er mich mit Handgel versorgt und gründlich eingesprüht hat (Corona lässt grüßen). Bibi besteht darauf, mich um 14 Uhr wieder abzuholen und ich werde von der Schulsekretärin, die gleich im Flur des Erdgeschosses hinter einem Schreibtisch sitzt, in einen leeren Klassenraum im Obergeschoss geführt.


Kurz darauf kommt meine Lehrerin Claudia und während unserer Vorstellung (auf Englisch) stellen wir fest, dass sie nur zwei Jahre jünger ist als ich. Da ich der einzige Spanischanfänger bin, komme ich in den Vorzug von Einzelunterricht. Mit Claudia verbringe ich nun in der ersten Woche jeden Tag vier Stunden und ab der zweiten Woche täglich fünf Stunden Unterricht, der sehr abwechslungsreich und intensiv ist. Sie stopft mich voll mit Vokabeln (Zahlen, Tage, Monate, Farben, Tiere, Lebensmittel, Körperteile usw) und Verben in presente, gerundio, reflexivo, futuro und pasado (aber erstmal nur ein futur und ein pasado – im Spanischen gibt es insgesamt 12 Zeiten, das wäre zu viel auf einmal). Arbeitsblatt für Arbeitsblatt arbeite ich mich durch und es macht mir ungeheuer viel Spaß! Die Stunden verfliegen wie im Nu, unterbrochen nur von einer Pause, in der ich es mir zur Gewohnheit mache, im benachbarten Starbucks einen Latte oder Frappuccino und eine Kleinigkeit zu essen zu kaufen, mich damit auf die Terrasse der Schule zu verziehen und im Schatten der großen Bäume, die von der Straße Kühle spenden, die Verschnaufpause zu genießen.

Nach diesem ersten Schultag holt Bibi mich mit dem Fahrrad ab und wir radeln einen anderen Weg zurück nach Hause, denn Mexico City besteht gefühlt zu 80 % aus Einbahnstraßen. Jetzt mittags ist es deutlich wärmer und stickiger und der viele Verkehr trägt sein übriges dazu bei, dass die Fahrt nicht so angenehm ist wie am Morgen.
Zu Hause erwartet uns schon Filo, Elenas Schwester, die zum Mittagessen eingeladen ist. Elena hat Pollo con Mole gekocht, ein typisch mexikanisches Gericht aus Hühnchen in einer dicken, braunschwarzen Schokoladen-Chili-Soße, Mole eben. Dazu gibt es noch Frijoles (eingekochte Bohnen) und Tortillas, die eigentlich zu jedem Essen gereicht werden. Denn das Essen, in diesem Fall Pollo con Mole, wird in die Tortillas eingewickelt und dann mit der Hand gegessen. Filo hat dazu einen sehr sanften und süffigen Tequila mitgebracht, „Don Julio“. Er ist ein Muss zu diesem Essen, sagt sie. Don Julio wird eindeutig mein Lieblingstequila 🙂

Nach dem Essen unternehmen wir eine bestimmt zweistündige Stadtrundfahrt durch Polanco in Elenas rotem Nissan. Die drei zeigen mir alle Sehenswürdigkeiten und Schönheiten dieses noblen Stadtteils, in dem sich unter anderem auch viele Botschaften befinden.




Bei dieser Gelegenheit teilt mir Bibi etwas sehr Wichtiges mit, nämlich wie ich mich im Falle einer Erdbebenwarnung zu verhalten habe! In México gibt es immer wieder Erdbeben, meist weniger stark, aber manchmal auch ziemlich heftig. Besonders kritisch ist die Lage in Mexico-City, denn wenn dort die Erde bebt, dann reagiert der schlammige Untergrund wie eine Schüssel Wackelpudding 😳
Das letzte große Erdbeben ereignete sich am 19. September 2017. Das Epizentrum befand sich nur rund 120 Kilometer entfernt von Mexico-City im Bundesstaat Puebla und hatte eine Stärke von 7,1. Insgesamt 369 Menschen kamen dabei ums Leben und es wären noch viel mehr gewesen, wenn nicht das mexikanische Erdbebenfrühwarnsystem vielen Menschen das Leben gerettet hätte.
Bibi demonstriert mir auf ihrem Handy den speziellen Warnton, der kurz vor Ausbruch eines Bebens in allen Städten zu hören ist. Wenn dieser Ton ertönt, hat man ganze 15 Sekunden Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Das bedeutet, man lässt alles stehen und liegen und sieht zu, dass man auf gar keinen Fall in der Nähe von Glas (Fensterscheiben etc.) oder Treppenhäusern ist. Auf der Straße, so Bibi, würde sie immer einen Platz mitten auf der Straße wählen. Wäre man in der Wohnung, sollte man zusehen, auf die Straße zu kommen. Schaffe man dies nicht mehr, so wäre das Badezimmer der sicherste Ort. Warum das Badezimmer? Weil es in der Regel der kleinste Raum in einer Wohnung oder in einem Haus ist und also auch die kleinste Zimmerdecke hat, die am seltensten einstürzt. Gut zu wissen! Bibi erzählt, wie sie beim Erdbeben 2017 keine Zeit mehr hatte, aus der Wohnung zu flüchten und vor allem Angst um ihren kleinen Hund Cookie hatte. Das ganze Haus hatte fürchterlich gewackelt, aber standgehalten. Wie die meisten Häuser, zum Glück. Trotzdem waren die Schäden groß – 40 Häuser sind alleine in Mexico-City eingestürzt, darunter eine Schule. Ich werde jetzt mal davon ausgehen, dass sich in meiner Zeit in Mexiko kein Erdbeben ereignet. Sollte es doch passieren, dann weiß ich immerhin, was zu tun ist.
In den kommenden Tagen spielt sich eine gewisse Routine ein. Da ich in der Regel sehr früh (gegen 6 Uhr) aufwache und Bibi und Elena Langschläfer sind, mache ich mir alleine einen Kaffee und etwas Joghurt mit Früchten und Cornflakes und erledige noch meine Hausaufgaben, für die ich am Abend vorher oft keine Zeit habe. Gegen 9 Uhr radle ich dann durch die noch frische Luft fröhlich zur Schule, vorbei an der russischen Botschaft und dann durch die schattigen, baumbestandenen Straßen Condesas. Ich liebe diese morgendliche Fahrt!

Wenn ich zwischen 14:30 und 15:30 Uhr wieder in der Parque Lira eintreffe, erwartet mich entweder eine mexikanische Mahlzeit oder wir starten direkt zu einer Tour, meistens mit Filo. Elenas Schwester hat keine eigene Familie, war bis zu ihrer Rente vor ein paar Jahren Angestellte der renommierten Banco BBVA und ist die Großzügigkeit in Person. Was es mir sehr schwer macht, selber zu bezahlen, geschweige denn, alle drei einzuladen.
Allein in der ersten Woche sehe und erlebe ich eine Menge: Am Mittwoch essen wir Sopa Azteka und Tacos al Pastor im Ordonez’schen Lieblingstacorestaurant „Las Brazas“ im Viertel Plateros und besichtigen anschließend den historischen Stadtteil San Angel, eine dortige Kunsthandlung mit faszinierender Modern Mexican Art, in der ich leider nicht fotografieren darf (ok, bevor ich das wusste, hatte ich schon ein Foto geschossen 😇) und die Iglesia San Jacinto, ein ehemaliges Kloster der Dominikaner. In San Angel erstehe ich auch mein erstes Souvenir. Eine ältere Indigene bietet auf dem zentralen, grünen Platz ihre handgefertigten Waren an und ich kaufe ihr ein kleines, farbenfrohes Täschchen mit Reißverschluss ab, groß genug für eine Kreditkarte und ein paar Pesos. Von nun an ist dies mein Lieblingsportemonnaie!










Am Donnertag spazieren Bibi, Elena und ich durch den wunderschönen Parque Chapultepec. Ich füttere ein Eichhörnchen, bestaune das historische Wasserversorgungssystem und eine Skulptur des berühmtesten mexikanischen Malers und Bildhauers Diego Rivera. Wir umrunden einen der Seen und Bibi erzählt die dramatische Geschichte von Cookies Rettung aus eben diesem See durch Daniel, der den kleinen, damals zweijährigen Hund durch einen beherzten Sprung ins dreckige und kalte Wasser sowie einer Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben rettete, nachdem ein anderer Hund Cookie in den See gezerrt und unter Wasser gedrückt hatte, bis sie leblos war. Cookie lebte insgesamt 16 glückliche Jahre und starb im vergangenen Juli, aber Bibi fällt es immer noch schwer, über sie zu sprechen. Sie vermisst ihr kleines, weißes, charmantes und cleveres französisches Pudelmädchen immer noch sehr.










Freitag esse ich erstmals Nopales. Das ist eine Kaktusart und zwar genau der Kaktus, auf dem der Adler die Schlange verspeist hat (ihr erinnert euch – die Legende von der Gründung Tenochtitlans). Die Blätter des Kaktus kann man essen und sie schmecken mir vorzüglich. Elena serviert ihn mit einer Käsesauce und mit einer gebackenen Aubergine – mmmmh! Anschließend gehen wir noch in San Pedro, einem benachbarten Stadtteil, einkaufen. Elena will Tamales kaufen und die leckersten gibts anscheinend nur bei diesem Straßenhändler. Tamales bestehen aus Maisteig mit verschiedenen Zutaten wie Fleisch oder Käse und werden in Maisblätter gewickelt über dem offenen Feuer gedämpft. Es gibt sie auch als süße Variante und dann sind sie leicht rosa (zumindest die, die ich gesehen habe). Tamales sind ein traditionelles, mittelamerikanisches Gericht, das schon die Azteken und Maya zubereitet haben. Zum Abschluss kauft Elena noch für sich Elotes – warmer Maiskolben am Stil in einem Mayonnaisemantel mit geriebenen Käse als Topic – und für mich Esquites – heiße Maiskörner geschichtet mit Mayonnaise und geriebenem Käse im Becher. Es ist echt lecker, aber ich muss definitiv weniger essen! Meine Bauchtasche ist ein guter Indikator 🙈 Ansonsten ergeht es mir wie den meisten MexikanerInnen – sie haben alle mindestens einen dicken Bauch. Und nicht wenige sind wirklich korpulent. Das liegt daran, dass hier Liebe durch gutes Essen ausgedrückt wird, erklärt Elena. Ergo: wen ich liebe, den mäste ich. Hm, dann bitte nicht ganz so viel Liebe…





Durch die täglichen Schulstunden ist meine Zeit begrenzt, sehr zum Missfallen von Elena und Filo, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mir ihre Stadt, ihr Land und ihre Familie zu zeigen. Sie planen, mit mir über das kommende Wochenende nach Puebla und Tlaxcala zu fahren, wo ihre Schwester Sophia wohnt. Nur – Samstag und Sonntag würden beileibe nicht reichen. Ob ich nicht Montag die Schule schwänzen könnte?! Oha – ich muss ganz schön diskutieren und nur mit Hilfe von Bibi, die klarstellt, dass ich die teuer bezahlten Stunden nehmen muss (und will!), geben sich die beiden schließlich geschlagen. Wenn auch nicht gänzlich überzeugt 🙂
Liebe Ulli,
ich freue mich für Dich, dass Du es mit Deiner Gastfamilie zu traumhaft gefunden hast. Du machst es genau richtig, mit der Erkundung der Umgebung, dem Kennenlernen der Besonderheiten des Landes und der Verwandtschaft der Gastfamilie. Die Bilder und Deine lebhafte Beschreibungen lässt mich schnell erkennen, Du bist begeistert von dem vielfätigen Gastland, Dir geht’s offensichtlich gut. Demnächst gibt’s dann hoffentlich immer mal im Bericht einen Absatz in Spanisch!
Dir weiterhin alles Gute
Dein Christian
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