Mit dem Wünschen ist das ja so eine Sache. In den vergangenen fünf Monaten habe ich mir vor dem Hintergrund der drohenden betriebsbedingten Kündigung immer wieder (insgeheim, aber mehr oder weniger auch öffentlich) gewünscht, dass ich bloß keinen anderen Job angeboten bekomme, sondern (bitte, bitte) eine längere Zeit unbezahlten Urlaub nehmen kann. Spukt doch seit Oktober in meinem Kopf die Idee, das kommende Jahr zu nutzen, um endlich einmal richtig viel Zeit fürs Reisen zu haben. Und da ich gerne spanisch lernen möchte, wäre eine Reise in die „neue“, alte Welt Lateinamerikas genau das Richtige.
Nun, das Universum ist gütig und hat ein Einsehen mit mir. Auch wenn ich den Wunsch definitiv etwas präziser hätte äußern sollen… Aber sei‘s drum. Fakt ist, ich habe jetzt zwar keinen Job mehr, dafür aber etwas viel Wichtigeres erhalten – auch dank der wunderbaren Unterstützung durch meine absolut großartige Familie: Die einmalige Chance, einen neuen Traum zu leben und mich mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust auf eine neue, lange Entdeckungsreise zu begeben. Und wenn ihr Lust habt, kommt gerne mit!

Viva México!
20.-21.03.2022
Allen Warnungen zum Trotz will ich unbedingt auch und zuerst nach Mexiko. Dank der guten Idee unseres ehemaligen mexikanischen Austauschschülers Daniel buche ich schon vorab einen Spanischkurs für zwei Wochen in Mexico City. Bei Daniels Familie darf ich auch unterkommen und nach etlichen Vorbereitungen trete ich meine Reise am 20. März 2022 an, merkwürdigerweise ohne richtig große Aufregung. Vielleicht, weil ich quasi „nur“ zu einem Besuch bei Freunden fliege?!
Am Flughafen Hannover („meinem“ Flughafen) gibt es einen liebevollen und fröhlichen Abschied durch einen Teil meiner Liebsten, dann bringt mich die AF 1839 (wie gut kann ich diese Flugnummern noch auswendig) nach Paris, wo ich nach einem dreistündigen Aufenthalt in eine Maschine der Aeromexico steige und durch die Nacht über Grönland, Kanada und die USA Mexiko entgegenfliege. Der Anflug auf Mexico City in den sehr frühen, noch dunklen Morgenstunden des 21. Märzes ist grandios. Ein glitzerndes, funkelndes Sternenmeer liegt unter mir. Wohin ich aus dem kleinen Fenster auch sehen kann – Lichter in allen Farben.

Die Einreise klappt völlig problemlos. Ich muss weder einen Covidtest noch ein Ausflugticket vorzeigen und am Ausgang erwartet mich Bibi, Daniels Schwester, mit einem Schild „ULRIKE“! Ihre Mutter Elena (eigentlich Maria Elena, aber da ich ab jetzt zur Familie gehöre :), soll ich Elena sagen), fährt mit dem Auto vor und wir machen uns durch die noch verhältnismäßig ruhige, riesige Stadt auf den Heimweg in die Avenida Parque Lira, wo die beiden in einer eingezäunten und bewachten Wohnanlage eine Vierzimmerwohnung besitzen. Ich werde in Daniels ehemaligem Zimmer einquartiert und wir legen uns erstmal noch für ein paar Stunden schlafen, bevor wir uns nach einem mexikanischen Desayunes (Frühstück) mit Tortillas und süßem Pan (Brot) auf den Weg zu einer ersten Besichtigungstour durch die Innenstadt de la Ciudad de México aufmachen. Ich habe im übrigen trotz der Höhe von durchschnittlich 2.300 Metern zum Glück weder Kopfschmerzen noch andere Symptome.
Mein Ankunftstag ist ein Feiertag in Mexiko – daher ist der Verkehr auch nicht so schlimm wie sonst, wird mir erklärt. Nun, ich finde es schon ganz schön heftig, habe ich doch das Gefühl, dass wir kaum vorwärts kommen. Mir fallen aber auch die heftig blühenden Jacarandas auf, die das Straßenbild verschönern. Sie scheinen förmlich zu explodieren, jeder Baum trägt eine Fülle von lila Blüten. Jacarandas sind hier in Mexiko heimisch und ich verliebe mich augenblicklich in diese Bäume.

Schon nach wenigen Kilometern fahren wir am Parque de Chapultepec vorbei, dem größten Park des gesamten amerikanischen Kontinents! Am östlichen Rande des Parques thront auf einem felsigen Hügel das Castillo de Chapultepec über der Stadt, mit Blick auf die breite und prächtige Straße Reforma, die ins Zentrum führt. Schicke, schlanke Hochhäuser, elegante Geschäfte, Firmensitze und stattliche Bäume säumen diese Avenida, eine Champs d‘Elysee von Mexiko. Wir passieren auf der Reforma die auf einer hohen Säule golden strahlende Statue einer Siegesgöttin, die Columna de Independacion, auch El Angel genannt. Obwohl sie doch gar kein Engel sei, sondern eine Nike, wie Bibi immer wieder betont.

Ein paar Kilometer weiter befindet sich an der Alamada Central, Mexiko Citys ältestem Stadtpark, ein Memorial für Benito Juárez, dem großen Reformer und wohl bedeutendsten Präsidenten Mexikos, der von 1806 bis 1872 lebte und dessen Geburtstag heute gefeiert wird – deshalb der Feiertag. Bibi, die eigentlich Lizbeth heißt, und Elena begeistern sich beide für Geschichte, insbesondere für die Geschichte ihres Landes. So komme ich hier laufend in den Genuss ausführlicher Erklärungen über die historischen, wahrlich ungeheuer spannenden Ereignisse – zum Glück nicht auf spanisch, denn Bibi spricht ganz hervorragend englisch. Die Kommunikation mit Elena findet zunächst fast ausschließlich über Bibi statt. Was Elena nicht davon abhält, mir mindestens genauso viel zu erklären wie Bibi 🙂
Wir biegen am prächtigen Monumentalbau des Palacios de Bellas Artes, dem wichtigsten Kulturgebäude Mexikos, in die wuseligen, übervollen Straßen des historischen Zentrums ab, quälen uns langsam durch den Verkehr und parken das Auto schließlich in einem Parkhaus. Zu Fuß geht es ein paar Straßen weiter zunächst in das überaus prächtige, 1899 im königlichen Jugendstil erbaute Gran Hotel Ciudad de México, das mir Elena unbedingt zeigen möchte, weil sie es so liebt. Auch mir gefällt es sehr, besonders die hübsche, bunte Glaskuppel.

Gleich um die Ecke gelangen wir nun zur weiten Plaza de la Constitution, auch Zócalo (Sockel) genannt, dem zentralen Platz der Stadt. Hier befinden sich der mexikanische Regierungssitz, der Palacio National, und die beeindruckende Catedral Metropolitana.

Den Palacio National wollen wir uns für einen späteren Besuch aufheben, jetzt geht es erstmal in die Kathedrale. Sie ist die größte und älteste Kathedrale des amerikanischen Kontinents, deren Grundstein 1524 gelegt wurde, also schon kurz nach der Eroberung des Aztekenreiches durch die Spanier unter Hernán Cortés in den Jahren 1519-1521. Die riesige Kirche erinnert mich stilistisch sehr an einige Kirchen auf meinem Jakobsweg in Spanien, die tatsächlich als Vorbild für diesen Bau dienten. Er besteht aus fünf Schiffen mit 14 Kapellen und seine prunkvolle Ausstattung veranschaulicht deutlich den immensen Reichtum an Gold und Silber dieses Landes. Allerdings, die ganze Kirche ist schief! Sie neigt sich – und nicht zu knapp – nach rechts (wenn man Richtung Altar schaut). Etliche Baumaßnahmen haben in den letzten Jahren die Kirche stabilisiert und dafür gesorgt, dass sie nicht einstürzt. Ursache für die missliche Lage ist der Untergrund, der alles andere als fest ist. Das gilt aber nicht nur für die Kirche, die gesamte Stadt ist auf einem trockengelegten See gebaut!

An dieser Stelle ein paar historische und geologische Informationen, die ich von Bibi ausführlich erklärt bekomme. Ich versuche aber, es ein bisschen kürzer zu halten und bediene mich auch – ehrlicherweise – etwas bei Wikipedia 😉 Die Azteken beherrschten um 1500 n. Chr. einen großen Teil des heutigen Gebietes von Mexikos, das noch von etlichen weiteren indigenen Stämmen bewohnt wurde. Ihre Hauptstadt Tenochtitlan befand sich inmitten eines großen Seen- und Sumpfgebietes im zentralen Tal des mexikanischen Hochlandes, von drei Seiten umgeben von bewaldeten Vulkankegeln wie dem bekannten Popocatépetl. Einer Überlieferung nach hatten die nomadenhaft lebenden Azteken nach Jahren des Umherziehens von ihrem Gott Huitzilopochtli den Auftrag erhalten, an der Stelle eine Stadt zu gründen, wo sie einen Adler fänden, der auf einem Kaktus sitzend eine Schlange verspeiste. Sie fanden ihn, den schlangenfressenden Adler – mitten auf einer Insel im See. Übrigens: Adler, Schlange und Kaktus bilden das zentrale Motiv der Nationalflagge Mexikos (siehe erstes Foto!).
Nun, eine Legende ist eine Legende. Um 1345 jedenfalls begannen die Azteken, in dem riesigen Seengebiet des mexikanischen Tales auf einer der Insel ihre eigene Siedlung zu gründen. Sie fanden hier eine hoch entwickelte Hydrokultur vor: Mais, Bohnen, Tomaten wurden auf bewässertem Land und schwimmenden Gärten angebaut. Die Azteken vergrößerten das Land, in dem sie in dem sumpfigen Gebiet gezielt Pflanzen und Bäume pflanzten, deren lange Wurzeln sich verflechteten, bis auf den Grund wuchsen und dadurch einen stabilen, überaus fruchtbaren Untergrund ergaben. Zwischen den Inseln und dem Festland wurden Dämme errichtet, die den Wasserstand des Sees regelten und auf denen Zugbrücken vor Angriffen schützten. Sogar ein ausgeklügeltes Wasserversorgungssystem mit Aquädukten wurde erbaut. Mit mehr als 100.000 Einwohnern war Tenochtitlan weltweit eine der größten Städte seiner Zeit.
Es hätte so schön weitergehen können. Doch Anfang des Jahres 1519 landete an der mexikanischen Ostküste eine kleine spanische Armee unter ihrem Anführer Hernán Cortés mit dem Ziel, neues Territorium für die spanische Krone zu okkupieren und zu besiedeln. Drei Jahre dauerte die Eroberung des Aztekenreiches durch die Spanier. Entscheidend für ihren Erfolg waren die überlegene Waffentechnik, die Hilfe von einheimischen Stämmen, die mit den Azteken verfeindet waren, die Anfälligkeit der indigenen Bevölkerung für eingeschleppte Krankheiten wie Pocken, Masern und Grippe sowie das zögerliche Verhaltens Moctezumas, des aztekischen Herrschers, der die Lage völlig verkannte und den Fremden zunächst keinen Widerstand leistete. Diese Geschichte ist so voller Dramatik, Intrigen, Verrat, Heldentum, Liebe, Hass, List, Tragik, wie sie sich selbst ein fantasiebegabter Autor kaum besser hätte ausdenken können.


Als die Spanier 1521 nach einem letzten, erbitterten Kampf Tenochtitlan einnahmen, zerstörten sie systematisch jede sichtbare Erinnerung an die alte Kultur und erbauten dort, wo die großen Tempel standen, ihre Kirchen. Auf den Fundamenten des Herrscherpalastes wurde ein Palast für Cortés errichtet, zum Neubau wurden die Steine der Aztekenstadt verwendet. Heute zeugt in der Hauptstadt nur noch ein verhältnismäßig kleiner, 1978 archäologisch freigelegter Bereich neben der Kathedrale von der einstigen Architektur der aztekischen Bauten. Er gehörte zum größten und wichtigsten Tempel Tenochtitlans, der großen Pyramide Huey Teocalli. Elena, Bibi und ich werfen von außen einen Blick auf Reste des einstigen Heiligtums. Es ist schon erschütternd, so vor Augen geführt zu bekommen, wie Menschen miteinander umgehen. Dieses hier ist ein historisches Beispiel. Aktuell erleben wir ja gerade auch in der Ukraine voller Grauen, wozu Menschen in der Lage sind. Wird es sich jemals ändern? Werden wir jemals in der Lage sein, wirklich friedlich miteinander zu leben?


Wir verlassen die Ausgrabungsstätte und treffen auf dem Platz neben der Kathedrale auf bunt aussehende, halbnackte Gestalten mit bemalten Gesichtern und Körpern sowie übergroßem Federschmuck auf den Köpfen, die zu Trommelschlägen wild tanzen. Ob die Azteken früher so getanzt haben? Für die Touristen von heute jedenfalls eine Attraktion und auch ich filme 🙂 Einige der „Azteken“ führen bei Passanten (nicht nur Touristen, sondern auch Mexikanern) ein traditionelles Reinigungsritual durch, in dem sie mit Pflanzenbüscheln, etwas unheimlichem Gemurmel und mysteriösen Gesten um die Menschen herumfuchteln und die bösen Geister austreiben. Nein danke, für mich bitte nicht 🙂
Für ein Erfrischungsgetränk kehren wir in ein Restaurant ein, das im siebten Stock eines der Häuser am Zócalo liegt und von wo wir aus einen schönen Überblick über den Platz, die Kathedrale und den Regierungssitz haben. Elena überredet mich, mich von einem im Restaurant arbeitenden Cartoonisten zeichnen zu lassen und dieser überreicht mir nach knapp fünf Minuten eine Zeichnung mit den Worten „your mexican version“. Ich zeige es hier lieber nicht 🙈
Auf dem Rückweg zum Auto kaufen wir ein Helado (Eis) bei Elenas favorisierter Marke Santa Clara, was auch wirklich gut schmeckt. Zu Hause gibt es dann ein mexikanisches Abendessen, von dem ich leider nicht mehr weiß, was genau es war, und viele Informationen und Fotos der großen Familie Elenas, auf die sie sehr stolz ist. Eine ihrer vier Schwestern lebt auch in Mexiko City und Filo(mena) wird uns morgen besuchen. Und alle anderen Geschwister wollen unbedingt, dass ich sie besuchen komme. Na, hoffentlich reicht dafür meine Zeit!