My time in Tanzania 21

02.02.2020
Yamathi und ein Besuch in Sakkala Village

Während ich noch vor dem Frühstück ausgiebig meine Haare wasche, um das klebrige Öl zu entfernen und wieder ein frisches Gefühl auf dem Kopf zu bekommen, ist Juliana mit ihrem neuen Look vollauf zufrieden 😀

(Ich mag Julianas Naturhaare lieber…)

Auch diesen Sonntag gehe ich wieder zur Kirche, erneut in die katholische, da ich auf einen nicht sooo langen Gottesdienst hoffe 😎 Joseph will mich begleiten und auch Yamath, ein 13jähriges Mädchen, das bei Juliana wohnt, da ihre Mutter in einem weiter entfernt gelegenen Massaidorf lebt und zudem HIV hat. Yamath, die oft auch Yamathi gerufen wird, ist ein absolut feines, fleißiges und kluges Mädchen – ich mag sie total gern.

Ich habe nur dieses Foto von Yamathi und es ist leider keine gute Qualität – aber ich möchte sie euch unbedingt zeigen. So ein tolles Mädchen!

Noch bevor der Gottesdienst beginnt – merkwürdigerweise eine halbe Stunde später als vor zwei Wochen, erhalte ich von meiner Freundin zu Hause in Bothmer die Nachricht, dass eines meiner neuen Schafe, Anneliese, ein Lamm geboren hat! Ich bin völlig aus dem Häuschen und wünsche mir das erste Mal, seit ich nach Afrika gekommen bin, jetzt auch zu Hause sein zu können. Aber meine daheim weilenden Männer und meine Freundin haben das Meiste im Griff und ich bin erstmal ganz beruhigt. Außer, dass von ihnen niemand in der Lage ist, mir mitzuteilen, ob das Kleine weiblich oder männlich ist. So verkünde ich meinen beiden Begleitern, mit denen ich am Eingang der Kirche auf den Beginn der Messe warte, dass das Lamm, einen ihrer beiden Namen tragen soll. Also Yamathi, falls es ein weibliches Schaf ist (laut Wikipedia Mutterschaf, Au, Aue oder Zibbe genannt – nie gehört!😳), und Joseph, falls es ein kleiner Bock ist. Joseph platzt fast vor Stolz und besteht darauf, dass es ein Bock ist, Yamathi aber, bescheiden wie sie ist, hält sich zurück. Ich wünsche mir insgeheim mehr als alles andere, dass das Lamm Yamathi heißen wird – Joseph ist schon ein spezieller Vertreter und ich weiß gar nicht, was mich da eben geritten hat…

Der Kinderchor singt auch heute wieder

Der Gottesdienst dauert wie erhofft „nur“ eine Stunde, weil der mir fremde Priester ihn ausschließlich auf Suaheli hält und ich mich diesmal auch nicht vorstellen brauche. Yamathi und Joseph sind sehr aufmerksam dabei und finden die Messe schön, wie sie mir später versichern. Ich bin erstaunt zu hören, dass sie beide zur Pentecost Church gehören. Das hatte ich nicht gewusst. Umso toller, dass sie mit mir zur katholischen Kirche mitgekommen sind!

Anschließend laufen wir drei den kurzen Weg von der Kirche nach Loliondo Downtown zum Office, das die Tickets für den Bus nach Arusha verkauft. Ich hab von Dennis den Auftrag bekommen, dort nachzufragen, wie momentan die Strecke ist und wie lange die letzten Busse dafür gebraucht haben. Die Auskunft ist nicht besonders ermutigend. Die „Straße“ ist rough (was meint, nur sehr schlecht befahrbar) und der Bus muss immer noch am Mara-Fluss warten, bis er passierbar ist. Es fahren schon jeden Tag Busse von und nach Arusha, aber sie kommen nicht unbedingt am selben Tag an. Das ist exakt die gleiche Info, die uns auch Joseph von seiner Fahrt vor ein paar Tagen gegeben hat.

Zu Fuß starten wir den Rückweg nach Hause, so weit ist es ja nicht. Auf halber Strecke hält ein Auto auf meiner Höhe und die Beifahrertür öffnet sich. Am Steuer des Wagens sitzt Father Melchior, der Pfarrer der katholischen Kirche und bietet uns eine Mitfahrgelegenheit an. Das ist ja nett! Er ist nicht alleine, sondern zusammen mit einigen Gemeindemitgliedern auf dem Weg nach Wasso. Alle rutschen etwas zusammen, ich darf vorne neben Schwester Magdalena sitzen und los gehts. Pfarrer Melchior ist erfreut, dass ich seinen Namen erinnere und wir uns noch einmal wiedersehen.

Ein längerer Regen hält uns die erste Zeit des Nachmittags zu Hause. Ich nutze jetzt mal die Gelegenheit, um ein bisschen über die ungewöhnlich starken Regenfälle zu schreiben, die in allen Ländern Ostafrikas seit November 2019 zu starken Beeinträchtigungen geführt haben. Diese Regenfälle hängen tatsächlich mit den verheerenden Waldbränden in Australien zusammen.

Ich zitiere hier einen Artikel von Michael Odenwald, der am 23.12.2019 auf der Internetseite von The Weather Company erschienen ist: „Im Indischen Ozean gibt es eine Art Klimawippe, die sich zunehmend aufschaukelt und dabei die globale Erwärmung verstärkt. Meeresforscher sprechen von einem Dipol, der sich auf das Wetter in Afrika und Australien auswirkt. So trug er zu den Starkregen bei, die in diesem Jahr in Afrika ganze Regionen unter Wasser setzten, ebenso zu den Buschbränden in Down Under.

Der Dipol beruht auf Temperaturunterschieden zwischen dem westlichen und östlichen Indischen Ozean. (…) Ähnlich wie bei El Niño und La Niña im Pazifik durchläuft auch der Dipol im Rhythmus von drei bis acht Jahren verschiedene Phasen (positiv, neutral und negativ), in denen sich die Wassertemperatur drastisch ändert. In der positiven Phase ist sie im westlichen Indischen Ozean höher, im östlichen niedriger, was in Ostasien und Australien Dürren verursacht, in Teilen Indiens und Ostafrikas dagegen Regen.

Dieses Muster unterscheidet sich von anderen Meeren. Im Pazifik und Atlantik verteilen Strömungen und Winde die vom Wasser abgegebene Wärme. Doch die Landmasse Asiens im Norden des Indischen Ozeans blockiert diesen Mechanismus, so dass sich dort die Wärme staut. Als Folge erwärmte sich dessen Wasser im vergangenen Jahrzehnt vor allem im westlichen Teil stark. ,Dies verstärkte den Dipol, wodurch die Zahl der positiven Phasen zunahm‘, konstatiert CSIRO-Forscher Wenju Cai. ,Während der letzten 30 Jahre trat sie elf Mal ein, was es zuvor so nicht gab.‘

(…) Für Afrika sind die Folgen schon heute gravierend. So standen Anfang Dezember in Ostafrika ganze Regionen unter Wasser, betroffen waren 2,5 Millionen Menschen. Künftig könnten sich in Ländern wie Kenia, Tansania, Ruanda und Burundi die Starkregen häufen. In Südostasien und Australien wäre dafür mit verstärkter Trockenheit zu rechnen.“

Soweit der Artikel über das Klimaphänomen, den Dipol, der auch jetzt noch für die starken Regenfälle hier in Ostafrika verantwortlich ist. Es bleibt, wie für alle Auswirkungen des Klimawandels, inständig zu hoffen, dass die Menschheit es noch schafft, das Ruder herumzureißen…

Gegen halb fünf bricht die Sonne hervor und Juliana schlägt Pat und mir (die anderen drei sind in der Schule und bauen am Wassertank weiter) vor, dass wir den längst angedachten Spaziergang zu ihrem Elternhaus in Sakkala Village unternehmen. Da ihr Vater Ende letzten Jahre einen Herzanfall hatte, halten sich ihre Eltern zurzeit in Las Vegas bei Julianas Bruder und Schwägerin auf. Die Schwägerin ist Ärztin und kümmert sich um die Rehabilitationsmaßnahmen für den kranken Vater.

In Begleitung von Modesti starten wir vom Hof aus Richtung Tal und versuchen, dort über den eigentlich kleinen Fluß zu kommen. Der führt aber so viel Wasser, dass ein Durchqueren ohne nasse Füße zu bekommen, nicht möglich ist. Wir laufen weiter flußaufwärts, teilweise durch sumpfige Wiesen, bis wir an einer Stelle einen jungen Mann antreffen, der sein Pikipiki im Fluss wäscht. Modesti kennt ihn und bittet ihn, uns mit dem Pikipiki durch den Fluss zu bringen. Was er dann auch tut!

Hier geht es nicht rüber…
… aber hier 😀
Und zwar so!

Trocken auf der anderen Seite angekommen, sehen wir Supath am anderen Ufer stehen. Sie hat ein Bündel Holz dabei, das sie gesammelt hat und verkaufen möchte. Juliana gibt dem Pikipiki-Fahrer etwas Geld, dass dieser an Supat weiterreicht, die das Holz auf dem Hof abliefern wird. Auf diese Weise verdient sie sich täglich etwas Geld, um Lebensmittel kaufen zu können. Und sie ist nicht die einzige. Viele Massai sind arm…

Wir treffen Supath wieder

Wir setzen unseren Weg fort – den Berg auf der anderen Seite hoch. Wasser, das vom Berg herabfließt, hat auf dem Weg eine kleine, aber durchaus tiefe Schlucht hinterlassen, über die wir auch drüberspringen müssen. Ist aber nicht so schwierig 💪🏻

Sakkala Village ist bald erreicht. Die Ortschaft liegt großzügig über den Hügel verteilt. Wir kommen an einer Mühle vorbei, wo die Dorfbewohner ihr Getreide, also den Mais, mahlen können. Modernere Häuser wechseln sich mit Massaihäusern aus Lehm und Dung ab. Einige Grundstücke haben auch einen kleinen Garten.

Julianas Eltern haben ihr Haus aber fast ganz oben auf den Hügel gesetzt. Auf dem Weg dahin treffen wir drei Massaifrauen, die ältere von ihnen kennt Juliana schon, seit diese ein kleines Mädchen war. Es ist eine ihrer früheren Nachbarinnen.

Und dann sind wir da. Ich bin sehr überrascht, denn vor dem Haus sind bestimmt 12 Schüler der Bright School damit beschäftigt, aus Maiskolben die Körner herauszuschlagen. Dafür dreschen zwei Jungen mit Stöcken und großer Kraft auf Säcke, in denen sich Maiskolben befinden. Wenn die Säcke lang genug gedroschen worden sind, werden sie auf die große Plastikplane ausgeschüttet und die restlichen Jungen müssen nun die verbliebenen Körner mit den Händen von den Kolben pulen und die leeren Maiskolben aussortieren. Mittendrin auch Filimon, der – wie immer – am fleißigsten von allen ist. Ein wahres und pflichtbewusstes Arbeitstier. Und das ist mit höchster Anerkennung gemeint!

„Chapati!“
Ist wie „Spaghetti“ bei uns 😀

Wir brauchen eine Erklärung, was das hier ist. Und Juliana liefert sie. Ihre Eltern haben Maisfelder und auch noch Säcke mit trockenem Mais aus dem letzten Jahr. Diesen Mais nimmt sie jetzt, damit die Schulkinder in der nächsten Woche etwas zu essen haben. Und hat einige kräftige Jungen für diese Arbeit heute von der Schule hierherfahren lassen. Pat und ich jedenfalls verstehen jetzt, warum dieser Spaziergang hierher heute stattfindet.

Ich hatte in den vergangenen Tagen schon mitbekommen, dass momentan Geld fehlt, um Lebensmittel für das Schulessen zu kaufen. Und ich weiß, dass Pat Juliana dafür schon Geld gegeben hat. Aber es hat wohl nicht gereicht… Dieses Beispiel hier zeigt jedoch, dass Juliana und auch Baraka ziemlich erfinderisch und gewohnt sind, niemals aufzugeben. Ich ziehe meinen Hut vor den beiden!

Ein paar Fotoaufnahmen mit Modesti, dann „besichtigen“ wir noch das Haus, das zwar einen länger nicht bewohnten Eindruck macht, aber trotzdem gemütlich wirkt. Es ist nicht groß, hat vier kleinere Schlafräume, einen Wohnraum und eine Outdoorküche und besticht durch diese absolut herausragende Lage.

Denn vom Hof aus kann man in das Tal schauen – alles ist grün und fruchtbar und jetzt, in diesen Minuten, taucht die sich verabschiedene Sonne Hügel und Pflanzen, den Himmel und die Erde in ihren warmen, goldenen Abendglanz.

Eine traumhafte Aussicht
Der Mais steht noch lange nicht so hoch wie unten im Tal bei Barakas Haus

Wir schauen noch gemeinsam nach dem Maisfeld, das oberhalb des Hauses liegt und machen uns dann auf den Rückweg, denn von Norden ziehen dunklere Wolken herauf. Erstmal aber schenkt uns die Sonne noch einen wunderschönen Sonnenuntergang.

Pat und ich laufen zügig den Hügel hinunter, aber Juliana kommt nicht so schnell mit. Auf dem Dorfplatz von Sakkala trifft sie noch einen Herrn und lässt sich von ihm aufhalten.

Der Dorfplatz von Sakkala
Von Loliondo her zieht der nächste Starkregen herauf

Wir laufen mit Modesti weiter hinunter zum Fluss. Grau stehen die Wolken über uns. Aber noch ist kein Tropfen gefallen. Diesmal steht kein Pikipiki bereit, uns hinüberzubringen. Modesti bietet an, Pat und mich auf seinem Rücken hinüber zu tragen, aber das kommt übergingt in Frage. Also Schuhe ausgezogen und durch das Wasser gewatet. Juliana ist noch nicht aufgetaucht, so bleibt Modesti zurück, um ihr behilflich zu sein. Auf Pats Frage, wie Juliana durch den Fluss kommen soll, zuckt Modesti die Schultern und meint, zu Fuß 😊

Wir ziehen schnell die Schuhe wieder über und nehmen die Beine in die Hand, denn jetzt setzt der Regen ein. Es muss hier eine Abkürzung nach Hause geben, die wir aber nicht kennen. Und wie ein rettender Engel taucht erneut Supath auf und zeigt uns den Weg. Es sind nur fünf Minuten und wir erreichen den Hof in wahrlich letzter Minute, dann öffnet der Himmel seine Schleusen.

Und wer ist schon vor uns zu Hause angekommen und bringt einen Eimer heißes Wasser ins Badezimmer, damit wir duschen können? Nicht Juliana, sondern Filimon, der noch beim Maisdreschen war, als wir den Hof in Sakkala verlassen hatten. Wow! Er gibt zu, wie ein Blitz gelaufen zu sein. Noch ein Engel, denn die warme Dusche tut vor allem Pat gut, die ganz durchgefroren ist.

Und Juliana? Sie erscheint 15 Minuten später im Wohnzimmer, völlig nass, zusammen mit Modesti. Er hat sie übrigens doch auf seinem Rücken getragen! 😀

Und sehr spät am Abend kommt dann aus Böhmer noch eine Nachricht von meinem kleinen Lamm. Anneliese, die frisch gebackene Mutter, kapiert nicht, was mit so einem Neugeborenen zu tun ist. Sie lässt es nicht an sich heran und trinken. Im Gegenteil, man muss aufpassen, dass sie sich nicht auf das Lamm setzt und es zerquetscht! Meine Männer zu Hause hatten den ganzen Tag über alle Hände voll zu tun. Letztendlich haben sie aber entschieden, das Lamm zu einem Schäfer drei Dörfer weiter zu geben. Dort ist es von einem erfahrenen Muttertier gleich „adoptiert“ worden und jetzt in Sicherheit. Und dieser Schäfer konnte auch endlich sagen, was es denn nun ist. Es ist YAMATHI!!!