My time in Tanzania 17

26.01.2020
Two types of collapse

Schon wieder Sonntag. Wahnsinn, wie die Zeit verfliegt! In einer Woche werde ich auf meinem Weg in den Westen zu den großen Seen sein. Der Plan dazu ist vor einigen Tagen entstanden, als ich mit Nathan und meinem Reiseführer vor dem Haus saß und überlegte, was ich wohl in meiner vierten Woche machen könnte. Margret kommt aus Mwanza am Lake Victoria. Das wäre doch ein Ziel! Und dann am Besten weiter nach Kigoma am Lake Tanganjika und von dort wieder ein Stück Richtung Osten und Süden bis nach Mbeya, wo es einen Flughafen gibt, so dass ich nach Daressalam fliegen kann. Denn meine fünfte Woche möchte ich auf Pemba verbringen, der kleineren Schwesterinsel von Sansibar. Dafür habe ich extra meine Schnorchelmaske im Gepäck. Und die ist so groß und sperrig, dass sie unbedingt genutzt werden muss! 😎

Wenn ich so die Landkarte von Tansania betrachte, dann wäre der direkte Weg durch die Serengeti und noch ein Stück weiter nach Westen und schon ist man am Lake Victoria. ABER!!! Seit unserer Safari weiß ich, wie schwierig der Weg dahin ist. Natürlich fährt kein Bus oder Ähnliches. Einzige Möglichkeit ist ein privates Auto. ABER!! In Wasso oder Loliondo kann ich kein Auto mieten und überhaupt… ich bin zwar taff und mutig, aber inzwischen auch bezüglich selbständigen Autofahrens hier ein bisschen realistischer. Diesen Weg durch die Serengeti und dann weiter über Mwonza und Kigoma nach Mbeya werde ich leider nicht alleine fahren können 😔

Aber Nathan weiß, dass Busse fahren. Und auch wie lange sie unterwegs sind. So freunde ich mich also damit an, mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine halbe Rundreise durch Tansania zu machen. Auf dem Weg liegen jede Menge Nationalparks und ein bis zwei möchte ich in der Zeit auf jeden Fall noch besuchen. Ich bin regelrecht aufgeregt, wenn ich an die bevorstehenden Abenteuer denke 😃

Übrigens ist gestern am späten Abend ein weiterer Volontär eingetroffen. Da Juliana ihn als Deutschen angekündigt hat, begrüße ich den sympathisch wirkenden Mittzwanziger auf Deutsch. Er schaut mich verständnislos an und ich wiederhole meine Worte, befürchte aber schon, dass er sehr langsam von Begriff sein könnte. Es dauert ein paar weitere Sekunden, bis sich herausstellt, dass Rúben gar kein Deutsch kann, sondern Portugiesisch spricht und aus Lissabon kommt 😀

Heute Morgen habe ich mit Dennis eine Lösung für mein Geldproblem gefunden. Er hebt von seinem Konto für mich ab und ich lasse ihm das Geld durch Kai von zu Hause auf sein Konto zurücküberweisen. Damit bin ich erstmal diese Sorge los. Des Weiteren findet eine kleine Fashion Show statt. Margret hat nämlich ein Kleid für Sophie fertig und es steht ihr perfekt!

Ist es – und sie! – nicht entzückend?!

Ich hatte den Wunsch geäußert, heute wieder in eine Kirche zu gehen, und zwar in Julianas Pentecost Gemeinde in Loliondo und Pat hat auch Interesse. Sophie, Dennis und Rúben wollen zwar mit nach Loliondo, aber nicht in die Kirche, sondern nur in den Ort. Ein Nachbar bringt uns alle mit seinem kleinen Kombi nach Loliondo, Dennis und Rúben müssen sich in den Kofferraum quetschen. Baraka und Nathan sind mal wieder nicht dabei – das ist für mich schon ein bisschen verwunderlich vor dem Hintergrund, dass beide Pastoren sind und in meiner Zeit hier noch nie in der Kirche waren. Aber vielleicht liegt’s ja auch genau daran, dass sie Pastoren sind … 😳

Die Kirche befindet sich oberhalb von Loliondo und der Weg dahin ist äußerst abenteuerlich, da man ihn kaum als Weg bezeichnen kann, geschweige denn als Straße. Das Auto kämpft sich über dicke Steine und durch tiefe Furchen, in denen teilweise Wasser den Hang herabrinnt. Der Kombi ächzt unter den Belastungen, aber er schafft es. „African Roads!“ ist der entschuldigende und lachende Kommentar des Fahrers.

Von hier oben hat man einen schönen Blick ins Tal von Loliondo

Wir sind wieder mal spät dran, aus dem kleinen Steingebäude ertönt Gesang. Aber das kennen wir ja schon! Juliana, Pat und ich gehen also in die Kirche, während die anderen drei sich zu Fuß auf den Weg hinunter nach Loliondo machen. Sie würden auf eigene Faust nach Hause gehen, versichern sie.

Wieder finden wir relativ weit vorne auf der rechten Seite Platz, wo größtenteils Männer sitzen, während die Stühle auf der linken Seite von Frauen und Kindern besetzt sind. Die Gemeinde ist nicht sehr groß, gut 40 Leute sind anwesend.

Wir werden begrüßt, aber nur durch Kopfnicken des Pastors. Der Gottesdienst geht weiter. Er ist gerade an dem Punkt, dass einzelne Gemeindemitglieder nach vorne kommen können, um zu erzählen, wofür sie aktuell beten und dankbar sind.

Das nutzen vier Frauen, die, eine nach der anderen, ihre Geschichte erzählen. Sie tun dies auf Suaheli, aber Juliana übersetzt leise für uns. Da ist eine Mutter von Zwillingen, die sehr krank sind. Sie muss mit ihnen immer wieder in Krankenhäuser, um sie behandeln zu lassen. Sie schildert ausführlich ihre Ängste und Hoffnungen, die Höhen und Tiefen, ihr Beten und Flehen. Ich bin beeindruckt, wie offen die Menschen ihr Schicksal mit den anderen teilen.

Sie ist wie ich eine Mutter von Zwillingen

Eine weitere Mutter schildert ihre verzweifelten Bemühungen um ihren pubertierenden Sohn. Dieser ist aufgrund von falschen Freunden abgerutscht und lebt drogen- und alkoholabhängig auf der Straße. Sie möchte, dass er wieder zu ihr und zu einem normalen Leben zurückkehrt, zur Schule geht, seinen Abschluss macht und ein froher, gesunder Mensch wird. Viele, viele Stunden habe sie zu Gott gebetet, auch hier in dieser Kirche. Dann habe sie weinend Gott um Hilfe angefleht. Auch jetzt, während sie erzählt, kommen ihr die Tränen. Aber, so berichtet sie weiter, Gott habe ihre Not gesehen und sich ihrer angenommen. Ihr Sohn wäre jetzt wieder bei ihr. Er habe versprochen, sich, sein Leben zu ändern. Demnächst will er wieder zur Schule gehen und alles Versäumte nachholen. Es klingt wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Die Gemeinde ist sehr aufmerksam bei diesen und den beiden folgenden Erzählungen. Anteilnehmende Blicke, aufmunterndes Lächeln und aufrichtiger Zuspruch begleiten die vier Frauen und scheinen gut zu tun. Man spürt, dass dies eine starke, gewachsene Gemeinschaft ist.

Dann wird gesungen und auch hier sorgt ein Chor für den richtigen Schwung dabei.

Mitten in diesem fröhlichen und lautstark gesungenen Song kippt die Stimmung plötzlich. Erst beginnt eine Frau zu weinen, dann folgen weitere. Es ist kein leises, verstohlenes Weinen, nein, es explodiert förmlich und als würden sich alle Schleusen öffnen, reißt es die Weinenden in einem tiefen Strom purer Emotionalität mit sich. Es sind vor allem die vier, die sich vorher zu ihren Sorgen bekannt haben. Die Mutter des drogenabhängigen Sohnes zerreißt es schier. Sie bricht zusammen und liegt von Weinkrämpfen geschüttelt auf dem Boden.

Ich bin schwer betroffen und kann nicht verhindern, dass auch mir die Tränen kommen. Währenddessen wird weiter gesungen, aber Melodie und Text haben sich geändert. Das Lied hat jetzt einen tröstlichen, beruhigenden Charakter. Es klingt sanft und wohltuend und streichelt die wunden Seelen. Bestimmt 15 Minuten sind seit den ersten Tönen vergangen und langsam versiegen die Tränen, die Trauernden richten sich auf und scheinen gestärkt aus ihrem Schmerz zurück ins Leben zu kehren.

Auch an Pat ist das gerade Erlebte nicht spurlos vorbeigegangen. Sie ist definitiv beeindruckt. Noch eine weitere Besonderheit bietet dieser Gottesdienst. Zwar sitzt der Pastor vorne rechts, aber geleitet wird die Feier von einer jungen Frau, die auch Mitglied des Chores ist. Und obendrein wird die Predigt von einer weiteren, älteren Frau gehalten. Sie erzählt von ihren Erlebnissen vor vielen Jahren, wie sie unschuldig im Gefängnis saß, weil man ihr den Diebstahl von Geld vorgeworfen hatte, und wie Gott sie aus dieser Situation gerettet hat. Wieder fällt alle zwei Sätze das Wort Mungu – so, als ob der Gemeinde die Existenz desselben eingetrichtert werden muss 😳

Eine Frau als Prediger, eine andere als Gottesdienstleiterin – und der Pastor sitzt dabei und schaut zu. Sehr fortschrittlich!

Der Gottesdienst endet damit, dass Pat und ich uns wieder vorstellen dürfen. Bei meiner „Performance“ habe ich so aufmerksame Zuhörer, die viel von mir und meiner großen Familie wissen wollen, dass ich aber auch ein bisschen mehr von meiner Zeit als Volunteer an der Bright School berichte und vor allem Juliana und Baraka für ihre so herausragende Arbeit und für ihre unglaubliche Gastfreundschaft danke. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dies zu tun. Allerdings übersetzt Juliana davon leider nur die Hälfte – es ist ihr sichtlich nicht so angenehm, gelobt zu werden 😊

Mit einem letzten Lied beginnt der Auszug und vor der Kirche stellen wir uns wieder nacheinander in einen Halbkreis, so dass jeder dem anderen die Hand schütteln kann. Wir werden herzlich verabschiedet und von einer Frau in ihrem Auto mitgenommen, die uns zurück nach Hause bringen will. Kurz hinter Loliondo aber streikt der Jeep und die Freundin von Juliana bekommt das Auto nicht mehr gestartet. Ratlos blickt sie sich zu uns nach hinten um und fragt, ob wir Autofahren könnten. Pat schaut mich an, grinst und sagt nach vorne: „Yes, Ulli can drive!“ Oh ja, wie cool! Wir tauschen die Plätze und ich sitze also hinter dem Lenkrad. Die anderen wollen schieben. Anrollen und dann im zweiten Gang starten, das kann ich. Zuerst aber probiere ich es noch einmal mit dem Zündschlüssel. Und siehe, nach ein, zwei bockigen Rucklern springt der Wagen an! Die anderen steigen wieder ein und ich fahre uns bis nach Hause, auch den glitschigen Weg hinunter zu Barakas Hof. Ha! Wenn auch nur kurz, so habe ich aber zumindest diesen Punkt hier auch erlebt 😀

Nach dem Lunch lege ich mich ins Bett. Ich bin hundemüde und fühle mich etwas schlapp. Auch Pat macht Siesta. Zunächst brauche ich eine Decke, wie sonst auch. Aber mir wird zunehmend kälter, also ziehe ich nach und nach alle vier Decken über mich, die im Bett liegen. Warm wird mir trotzdem nicht. Ich beginne zu zittern, gleichzeitig setzen irre Kopfschmerzen ein. Ich dämmere vor mich hin, ohne mich groß bewegen zu können.

Nach drei Stunden tauche ich mühsam wieder auf und bin gerade in der Lage, Pat mitzuteilen, dass es mir nicht gut geht. Beim Versuch, eine Nachricht nach Hause zu schicken, stelle ich zudem fest, dass mein Datenvolumen nun endgültig sein Limit erreicht hat. Das gibt mir den Rest. Kläglich bitte ich Pat, Dennis zu rufen. Er kommt mit Sophie und Rúben und alle sind ziemlich besorgt über meinen Zustand. Mir ist aber gerade nur wichtig, dass mein Handy funktioniert und ich auch Geld habe, so dass ich Dennis bitte, meine Simkarte nachzuladen und mir auch von der Bank Shillinge zu holen, damit ich wieder Bargeld habe. Er verspricht es mir, lacht aber, dass ich nur Sorge um das Handy hätte, obwohl mir meine Gesundheit mehr zu denken geben müsste. Nun, das tut sie auch. Denn ich merke, dass nichts mehr geht. Kopf, Körper, Nase, Lunge, alles tut weh. Baraka und Juliana stehen auch bei mir und sind sehr erschrocken. Juliana beeilt sich, mir einen stärkenden Tee zu kochen und Baraka fährt postwendend nach Wasso und bringt Medizin für mich mit.

Kurz darauf steht heißer Gingertee sowie je einmal Dr. Cold Suspension und Dr. Cold Tabletten sowie ein Tütchen mit einem Antibiotikum auf einem provisorischen Nachttisch. Ich versichere Baraka, dass ich das Antibiotikum auf keinen Fall nehmen werde. Aber den Erkältungssaft will ich schon nehmen. Auch wenn er fast nur Coffein und Paracetamol beinhaltet. Pat besteht nämlich darauf und ich kann es ihr nicht verdenken, denn das viele Husten ist schon echt nervig – vor allem für sie.

So fühle ich mich also gepflegt und versorgt und betreut und falle erneut in einen tiefen Schlaf. Ein paar letzte Gedanken habe ich noch für meine so schönen Reisepläne. Ich ahne schon, dass sie etwas durcheinander geraten könnten…

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