
24.01.2020
Der Tag, an dem der Puppy stirbt
Irgendwie müssen wir uns heute etwas erholen. Daher bleiben wir morgens zu Hause, arbeiten aber bei Betterplace weiter. Für Betterplace muss eine gemeinnützige Trägerorganisation vorhanden sein, die über ein Konto verfügt, auf das Spenden überwiesen werden können. Diese Voraussetzungen erfüllt Macao. Also setzen Sophie und ich eine Kurzbeschreibung des Projektes und auch des Projektträgers in Deutsch und in Englisch auf. Das ist kein so großes Thema, aber dauert auch seine Zeit.

Macao ist die Organisation, die Juliana und Baraka im Jahr 2004 gegründet haben. Beide sind Mitglieder der Free Pentecost Church of Tanzania (Julianas Vater war sogar einer der Gründer dieser pfingstkirchlichen Bewegung) und fühlen sich ihrem Glauben sehr verbunden. Baraka ist wie sein Bruder Nathan Pastor und ein großartiger Gospelsänger und -komponist, dessen Lieder sogar im Rundfunk gespielt werden. Aber das nur nebenbei.
Es geht um ihre Mission, ihr Sendungsbewusstsein. Denn beide, Juliana und Baraka, möchten den Menschen, den Massai aus Julianas Heimat helfen. Julianas Familie stammt ursprünglich aus Kenia, aber sie ist in Sakkala Village, dem kleinen Ort bei Loliondo, wo auch das jetzige Haus der beiden steht, aufgewachsen. So gründen sie also die gemeinnützige Organisation Macao, im gleichen Jahr heiraten die beiden auch. Macao hat zum Ziel, benachteiligte Gemeinden aber insbesondere das Leben von Waisenkindern und anderen schutzbedürftigen Kindern in der Region Ngorongoro zu verbessern. Macao beinhaltet ein AIDS-Aufklärungs- und ein, ich sage mal allgemeines Aufklärungsprogramm für die Massai-Gemeinschaften in der Region.
Das Suaheli-Wort „Malezi“ bedeutet „Förderung für Kinder im Sinne von Erziehung und Bildung“. Ziel ist es, den Menschen durch den Kampf gegen Unwissenheit, Armut und Krankheit – die größten Feinde in Tansania – Hilfe zukommen zu lassen.
Bald merken die beiden, dass Aufklärung alleine nicht reicht. Bildung und Erziehung ist nötig, um besonders den Mädchen nicht nur Verständnis für die anderen Möglichkeiten ihres Lebens zu vermitteln sondern auch die Mittel, diese zu verwirklichen. So entsteht die Idee, eine Schule zu gründen. Dies geschieht im Jahr 2006 und die Bright English Medium School nimmt ihre Arbeit auf. Von Beginn an ist sie eine Boarding School, denn für viele Kinder ist der tägliche Schulweg zu weit.
Macao existiert nach wie vor und wird auf die Unterstützung der Schule erweitert. Es ist also nach unserer Beurteilung geeignet, um bei Betterplace als auch bei Global Giving die Spenden zu empfangen. Nachdem Sophie und ich die erforderlichen Angaben bei Betterplace eingegeben haben, erhalten wir aber die Info, dass nur in Deutschland oder Österreich registriere Organisationen zugelassen sind! Boah! Wie ärgerlich, das nicht vorher gewusst zu haben.
Ich bin ziemlich frustriert. Jetzt geht die Suche von vorne los. Brot für die Welt funktioniert nicht, die Johanniter Auslandshilfe ist auch nicht erfolgversprechend, eine Anfrage bei einem Verein, der vor ein paar Jahren privat gegründet wurde, um ein Waisenhaus in Togo zu unterstützen, ergab den Rat, am besten selber einen Verein zu gründen. Hm.. Sophie, Dennis und ich erwägen dies durchaus und als letzte Möglichkeit würden wir das auch tun. Aber vorher checke ich lieber noch Alternativen.
Dennis hat unterdessen auf einem Laptop von Baraka eine PDF-Datei mit einem Volunteer Manuel gefunden. Darauf befinden sich alle Informationen, die für neue Volunteers nötig sind. Ein paar Volontäre hatten sich diese Mühe gemacht und sehr liebevoll alles Wichtige zusammengetragen. Schade, dass Baraka es uns nicht im Vorfeld geschickt hat. Und dass wir es erst jetzt – durch Zufall – entdecken. So richtig verstehen wir das nicht. Dennis erweitert es noch durch eine Liste mit Dingen, die Volunteers von zu Hause mitbringen können. Die Liste ist lang und reicht von Hygieneartikel über Bekleidung, Spielzeug und Laptops bis Schulmaterialien.
Irgendwann werfe ich einen Blick aus dem Fenster und sehe draußen unter einem Baum den Puppy liegen. Der Puppy ist vielleicht 8 Monate alt und eine Hündin namens Polis. Von uns allen wird sie aber nur Puppy genannt. Normalerweise ist sie angebunden, damit sie nicht weglaufen kann. Auf dem Hof leben noch zwei weitere Hunde, die Mutter von Polis und der Papa.

Mir gefällt der Puppy gar nicht. Sie liegt da ziemlich apathisch und ich gehe hinaus, um sie mir genauer anzuschauen. Nathan kommt hinzu und meint, dass sie krank ist. Juliana hätte schon den Tierarzt angerufen. Ich bin ein bisschen verwundert, freue mich aber sehr! Denn hier haben Hausstiere, so wie ich es wahrnehme, bei weitem nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns.
Die Hunde laufen frei herum und dürfen nicht ins Haus. Auch der graue Kater nicht, der ebenfalls auf dem Hof wohnt. Einige der Kinder haben Angst vor den Tieren – sowohl vor den Hunden wie vor dem Kater – und verscheuchen sie, sobald sie sich nähern. Deshalb sind die Tiere sehr vorsichtig. Es scheint, sie haben schon negative Erfahrungen gemacht. Trotzdem sind sie zutraulich, wenn man freundlich mit ihnen spricht, kommen näher und lassen sich auch streicheln. Damit bin ich aber eher zurückhaltend, denn ich beobachte, dass die Leute hier die Tiere nicht unbedingt anfassen.
Nathan erzählt, dass die Hündin, also Polis‘ Mutter, vor kurzem abgehauen ist. Ist einfach mit einem anderen Rüden mitgegangen. Na sowas! Ich hatte das noch gar nicht bemerkt. Ihr kleiner Puppy liegt jetzt hier und macht überhaupt keinen guten Eindruck. Ich hoffe sehr, dass der Tierarzt bald kommt.
Nach dem Lunch wollen wir alle zusammen wieder nach Wasso fahren. Juliana muss auf den Markt, um frische Lebensmittel zu kaufen und ich möchte sie auf jeden Fall begleiten. Die anderen nicht, denn ihnen ist es viel zu schlammig. In den letzten Tagen hat es immer wieder geregnet und besonders nachts kommt unfassbar viel Wasser vom Himmel. Meine dicken Caminoboots, die eigentlich für die afrikanische Sonne viel zu warm sind, haben sich hier schon des Öfteren als sehr nützlich erwiesen und ich bin froh, sie dabei zu haben.
Es dauert und dauert aber, bis Juliana und Baraka endlich fertig werden. Sie sind beide immer sehr busy, viel am Telefon, und für uns ist dann warten angesagt. Ich gehe schon mal vor die Tür und will nach dem Puppy sehen. Sie liegt nicht mehr unter dem Baum, sondern wieder auf ihrem Stammplatz unter der „Scheune“ aus blauem Blech, in der das Dormitory der Jungs ist.
Kurze Zwischeninfo: Ich hab ja schon erzählt, dass bei Baraka und Juliana viele Kinder sind. Das sind die jüngeren Boarding Schüler, die eigentlich in der Schule schlafen müssten. Aber dort ist in den beiden Klassenräumen, die für das Girls und das Boys Dormitory herhalten, nicht ausreichend Platz. Daher haben Juliana und Baraka die Kids zu sich genommen. Die ungefähr 10 Jungen schlafen in der blauen Scheune, die bestimmt 17 Mädchen in einem separaten Haus. Dort übernachtet übrigens auch Margret mit Klein-Rosie. Um die Kinder kümmern sich Lightness, von Juliana liebevoll Lighty gerufen, und Anna, die auch kochen und die Wäsche waschen. Für die weitere Hausarbeit hat Juliana noch Filimon, Alex und Samuel angestellt, die letzteren beiden bemerkt man eher wenig, während Filimon ein unfassbar fleißiger, schwer arbeitender und überaus freundlicher 19jähriger ist.



Zurück zu dem kranken Puppy. Ich bin völlig erschrocken, als ich sie unter der Scheune entdecke. Sie stirbt, ist mein erster Gedanke. Ich habe schon zu viele Tiere sterben gesehen, als dass ich diesen Zustand nicht richtig einschätzen kann. Ich bücke mich und streichele den schon fast leblosen kleinen Hundekörper. Ihr Herz schlägt, aber nicht mehr kräftig und nur noch langsam. Wo ist der Tierarzt?? Um mich herum sind viele Kinder, auch Nathan und Filimon. Sie nehmen Anteil, aber mit Abstand. Sophie und Dennis kommen hinzu. Sophie möchte helfen, aber was soll hier noch helfen? Ich beschließe, dass die Hündin erstmal aus der Sonne in den Schatten muss. Filimon kommt mit einem Sack angelaufen, um sie damit anzufassen. Aber ich nehme sie einfach auf meine Arme und trage sie vorsichtig in den Schatten am Haus. Dort legen wir sie auf den Sack, damit sie es etwas weicher hat.
Juliana macht den Vorschlag, Antibiotika zu geben. Ich glaube nicht, dass es irgend einen Sinn macht, aber Dennis und Sophie sind sehr dafür. So wird die Kapsel geöffnet, das Pulver in eine kleine, leere Wasserflasche geschüttet und mit etwas Wasser aufgefüllt. Vorsichtig öffne ich dem Puppy das Maul, damit Dennis etwas von der Flüssigkeit einträufeln kann. Polis lässt alles mit sich geschehen. Sobald aber die Flüssigkeit auf ihre Zunge trifft, versucht sie mühsam zu schlucken. Auf diese Weise gelingt es uns innerhalb von 10 Minuten, ihr fast das ganze Antibiotikum einzuflößen.
Baraka hat in der Zwischenzeit das Auto auf die Hauptstraße gefahren und drängt per Telefonanrufen bei Nathan und Juliana, dass wir endlich loskommen. Ich nehme schweren Herzens Abschied vom Puppy, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass dies hier ihre letzten Stunden, vielleicht auch nur noch Minuten sind. Sie reagiert nicht auf mein Streicheln und ich wünsche ihr nur noch, dass sie keine großen Schmerzen hat.
Im Auto nach Wasso kommen auch Britten und ein weiteres kleines Mädchen mit, die beide halb auf meinem Schoß sitzen, weil es eng im Auto ist. Ich frage nach ihrem Namen und sie antwortet: „Karin.“ Wow, ein deutscher Name hier im Outback 😀 Ich lasse ein paar Fotos von uns dreien machen und schicke eines meiner Mama, die auch Karin heißt, und sich kurz darauf freut, dass sie hier eine so fröhliche und hübsche Namensvetterin hat.

In Wasso steigen Juliana, Nathan und ich auf dem Markt aus. Die anderen wollen nicht in den Matsch, sondern lieber in den Wasso Supermaket, wo es kühle Savanna gibt 😀 Juliana bietet sich an, mit meinem Handy Fotos zu machen. Für sie wäre es kein Problem. Cool, ich gebe ihr das Handy und bitte sie, vor allem Fotos von Ohren zu machen. Der Ohrschmuck der Massai ist oft beeindruckend und fasziniert mich. Auch, wenn ich die Prozedur, Ohrläppchen mit einem Messer aufzuschneiden und zu weiten, bis diese in einer langen Schlaufe herabhängen, ziemlich abschreckend finde. Juliana jedenfalls lacht und macht sich gleich ans Werk. So entstehen folgende Aufnahmen:







Als Mzungu, der suahelische Ausdruck für eine/n Weiße/n, sorge ich wie immer für Aufmerksamkeit. Ein älterer Mann kommt mit ausgestreckten Armen auf mich zu und fällt vor mir auf die Knie. Beim Blick in sein Gesicht erkenne ich, dass er fast blind ist. Er ruft mir mit bittender, eindringlicher Stimme etwas zu und seine Arme und Hände unterstreichen mit großen Gesten seine Bitte. Weil ich aber nicht gleich verstehe, was genau er von mir will, ergreift er meine Hand und führt sie auf seinen Kopf. Oh! Er will von mir gesegnet werden!



Kurz darauf treffen wir Beatrice und Judith, die sich freuen, uns zu sehen.


Während Juliana ihre Einkäufe erledigt, begleitet Nathan mich auf Schritt und Tritt. An einem Schmuckstand bleiben wir stehen. Ich bin nicht ganz abgeneigt, aber die Ketten sind zu kurz, als dass ich sie über meinen Kopf bekomme und sie haben keinen Verschluss. Nathan handelt aus, dass die beiden Frauen mir nächsten Freitag eine Kette mit Verschluss mitbringen. Ich belasse es dabei, obwohl ich weiß, dass meine Zeit nächste Woche um ist und ich am Freitag schon auf dem Weg nach Westen sein werde.

Am Ausgang des Marktes bewundere ich noch die traditionellen Massai Messer und Speere, die ein Mann anbietet, bevor Baraka mit seinem Auto eintrifft und uns wieder einsammelt.

Am Wasso Supermarket warten schon Dennis, Sophie und Pat auf uns. Sie haben Savanna und Bier getrunken (jeder nur ein Getränk), sind aber sehr fröhlich. Ich hole mir auch noch eine kühle Savanna und kaufe zudem zehn Packungen Binden, die als Notfallration in der Schule deponiert werden sollen.
Und wir fragen noch nebenan im Laden, wo wir die Farbe gekauft haben, ob sie von derselben Farbe auch einen 10-Liter-Eimer haben. Sie haben weder 10 noch 20 Liter. Blöd. Modesti, der zu uns gestoßen ist, kennt noch weitere Geschäfte, die aber jetzt schon geschlossen sind. Ja Ich verabrede mich mit Modesti morgen früh, dass wir zusammen Farbe kaufen. Mit seinem Motorrad! Freue mich!
Zu Hause dann die nicht überraschende Nachricht. Der Puppy ist gestorben. Sie haben sie irgendwo vergraben. Für Polis nur eine Erlösung. Was zu ihrem Tod geführt hat, bleibt ein Rätsel.
In unserem Zimmer haben in der Zwischenzeit Lightness oder Anna unsere Betten mit Moskitonetzen ausgestattet. Da ich mein eigenes habe und dieses auch jede Nacht nutze, entferne ich das über meinem Bett. Pat hat kein eigenes und legt auch keinen Wert darauf. Dafür hat sie jetzt ein ganz besonderes Moskitonetz über ihrem großen Ehebett. Sie ist darüber überhaupt nicht glücklich, aber lässt sich nichts anmerken 🥳
