My time in Tanzania 10

18. und 19.01.2020
Work, Church und Lost in Loliondo

Mein zweites Wochenende in Afrika! Ich habe inzwischen einen leichten Schnupfen, aber der stört nicht wirklich. Vielleicht habe ich zu viele Kinderhände angefasst… wer weiß. Nach einem gemütlichen Frühstück am Samstag lassen wir uns von Baraka meine beiden gespendeten Laptops geben und arbeiten in der Schule, da es hier Strom gibt, weiter an den Bewerbungen für Global Giving und Betterplace.

Beim Frühstück: Margret wie immer an der Nähmaschine, ihre kleine Tochter Rosie (nur wir nennen sie so), die Kids beim breakfast picknick auf dem Teppich und wir auf unseren Stammplätzen
Im Sekretariat der Schule: Dennis ist begeistert über das MacBook

Wir kommen weiter, kehren aber mittags wie immer zum Lunch nach Hause zurück. In der Schule gibt es auch Mittagessen, aber es ist nur eine einfache Mahlzeit aus Mais und Bohnen Makande genannt. Da nicht so viel Geld da ist, wird das Essen für die Kinder aus günstigen Lebensmitteln zubereitet. Zwei Köche hat die Schule dafür eingestellt.

Frühstück besteht aus einer Schale mit „Porridge“, was aber tatsächlich nur eine dünne Milchsuppe ist, die aus Milchpulver zubereitet wird und den Namen Porridge in keinster Weise verdient. In der ersten Pause erhalten die Kids eine weitere Schale „Porridge“. Zum Lunch gibt es das typisch afrikanische Ugali, ein schnittfester Brei aus Maismehl oder eben Makande. Dinner erhalten nur die Kinder, die in der Schule übernachten und es variiert etwas mehr: neben Ugali und Makande gibt es auch Gemüse, jeden Donnerstag Fleisch und freitags immer Reis. Reis würden die Kinder am liebsten jeden Tag essen, aber der ist teurer als Mais und die Schule muss mit dem Budget schon genau kalkulieren.

Dagegen ist das Essen bei Juliana um etliches reichhaltiger und vielfältiger. Mindestens fünf Töpfe stehen bei Lunch und Dinner auf dem Tisch. Es gibt immer einen riesigen Topf Reis, dann Kohl und Kartoffeln, selten kein Fleisch und unsere geliebten Chapati werden in unterschiedlichster Weise serviert. Obst zum Nachtisch haben wir auch mehrmals in der Woche. Und Nathan, der bei den Mahlzeiten immer anwesend ist, pflegt uns jedes Mal aufzumuntern: „Add more! Add more!“ – auch wenn wir schon am Platzen sind.

Unser Samstagnachmittag vergeht mit Ausruhen und Schreiben. Immer wieder regnet es, so dass wir für unser Faulenzen eine gute Ausrede haben. Irgendwann teilt uns Baraka mit, dass Joseph, unser Serengeti Guide, mit dem Bus irgendwo noch 50 Kilometer entfernt festsitzt. Das kommt vor allem Kim bekannt vor…

Im Laufe des Abends wird klar, dass er es heute nicht mehr nach Loliondo schaffen wird! Damit fällt also morgen der Start für unsere Safari aus! Ja, so ist das hier in Afrika. Ich erwähnte ja schon, dass sich hier Pläne schnell ändern (können). Ich für meinen Teil lasse den Kopf nicht hängen, denn wenn wir nicht morgen starten, dann halt am Montag. Wir sind ja zum Glück flexibel und auch Baraka, den wir mit Fragen belagern, ist optimistisch, dass wir trotz der Verzögerung fahren können.

Allerdings ist er etwas am Verzweifeln, denn ohne Juliana funktioniert hier alles nicht ganz so gut. Er stöhnt, dass er den beiden Köchen sagen muss, wie und was sie zu kochen haben, dass die Lehrer ihn mit ihren Problemen um Hilfe bitten, dass die Kids ihn mit Fragen löchern und auch wir wegen der Safari. Aber dabei lacht er und wie wir ihn inzwischen kennen, kriegt er es schon hin, bis Juliana wieder zurück ist. Aber es völlig klar, dass sie hier den Hut aufhat und ihre Familie, den großen Haushalt, die Angestellten, die Lehrer und die gesamte Schule auf ihre unerschütterliche, unaufgeregte, zuversichtliche und liebenswerte Weise bestens im Griff hat.

Am Sonntag ist es warm und ich möchte diesmal gerne zu Fuß zur Messe der katholischen Kirche in Loliondo gehen. Baraka schlägt vor, dass er einige Kinder aus der Schule abholt, die auch katholisch sind und die mit mir zusammen gehen können. Da es wieder mal zeitlich eng ist, fährt Baraka letztendlich mich mit den drei Jungs Fortunatas, Michael und Maxwell und den Mädchen Fabiola, Jesca und Daima nach Loliondo. Mit uns kommt auch Kim, die erst in der Moschee beten möchte (1. Ja, Loliondo hat tatsächlich auch eine Moschee und 2. Ja, Kim ist Muslima, frisch konvertiert im letzten Jahr) und dann zu uns in die Kirche kommen will.

Mit sechs Schülern in die Messe
Für einen so kleinen Ort wie Loliondo ist das schon eine echt große Kirche

Die katholische Kirche ist das größte Gebäude, dass ich seit dem Kilimanjaro Airport gesehen habe. Dreischiffig mit vielen Bänken und einem großen Altarraum. Es ist kurz vor halb elf, im Kirchenraum sitzen im linken Mittelschiff eine ganze Menge Leute und ich brauche etwas, bis ich realisiere, dass dies noch der vorherige Gottesdienst ist (der um 6 Uhr begonnen hat – oh Mungu 😳). Uns wird mitgeteilt, dass der nächste erst um 11 Uhr beginnt. Gut! Dann bleibt noch Zeit, sich etwas umzusehen.

In einem separaten Raum neben dem Eingang entdecke ich zwei Männer, denen ich mich vorstelle (Ulli from Germany working here as a volunteer 🤗). Die beiden sind Gemeindevorsteher und informieren umgehend den Pfarrer der Gemeinde. Pastor Melchior freut sich sehr, jemanden aus Deutschland zu treffen. Er hat gute Kontakte ins Bistum Köln, denn seine Gemeinde wird von dort vielfältig unterstützt. Er bittet mich um meine Telefonnummer, er würde mich gerne mal zum Mittag- oder Abendessen einladen. Aber bitte 😀!

Und ich frage im Gegenzug nach einem Stecker für mein iPhone, damit ich es aufladen kann. Leider hab ich alles zu Hause vergessen und mein Handy zeigt nur noch 8 % an. Melchior bringt einen passenden Stecker und zeigt mir in der Kirche eine Steckdose, so dass ich laden kann. Meine Solarpowerbank hänge ich noch an ein Fenster und nun bin ich beruhigt. Denn da ich bei Baraka zu Hause nicht wirklich Strom bekomme (an deren Steckdose, die über das Solarpanel versorgt wird, hängen die eigenen Handys) und meine Powerbank sehr viel Sonne und lange braucht, um aufzuladen, bin ich oft am knapp mit meinem Akku. Ich muss sehr aufpassen, nicht zu viel zu verbrauchen und sparsam zu agieren. Das bin ich ja nun aus Deutschlandgar nicht gewohnt und es ist echt eine Umstellung.

Meine Powerbank braucht immer Sonne

Um 11 Uhr beginnt die Messe. Kim ist inzwischen bei uns. Aber ansonsten sind erstaunlicherweise nicht sehr viele Menschen in der Kirche. Wir sitzen links in der ersten Reihe. Hinter uns – niemand mehr! Die rechte Seite füllt sich zögerlich mit vielleicht 20/25 Leuten. Den größten Teil macht der Kinderchor aus, der im rechten Seitenschiff fast die Hälfte der Bänke füllt. Und weitere Kinder finden sich auch ein. Aber es sind definitiv weniger Leute hier als ich erwartet habe.

Der Pastor ist nicht Melchior, sondern Father Valentin. Er hält die Messe, die eine Kindermesse ist, wie sich herausstellt, uns zuliebe zweisprachig und übersetzt einen Großteil aus dem Suahelischen auf englisch.

Der Kinderchor ist super, aber so richtig fröhlich sehen alle nicht aus, finde ich. Das ist das erste Mal, dass ich das so empfinde. Bisher treffe ich überall nur lachende, herzliche, energiegeladene Menschen. Die Stimmung ist eigentlich immer ansteckend positiv. Daher wundere ich mich über diese doch andere Atmosphäre hier in der Kirche. Selbst bei der Predigt, bei der sich Father Valentin direkt an die Kinder wendet, will kein Funke überspringen. Auch meine sechs Schüler sind äußerst zurückhaltend. Das Thema der Predigt ist Berufung und Valentin will wissen, welche Berufswünsche die sechs haben. Die Kids antworten brav „Pilot“, „Soldier“, „Doctor“, „Nurse“, „Teacher“, „Doctor“ und ich bin auf gewisser Weise stolz über diese hohen Ziele! Aber alles in allem frage ich mich, warum hier so wenig Freude rüberkommt. Schade..

Da jedes Lied bestimmt acht Minuten dauert (und der Chor singt einige Lieder!), der Father lange predigt und am Ende der Messe noch 20 Minuten lang Verkündigungen verlesen werden, sind inzwischen schon zwei Stunden vergangen! Doch noch immer ist nicht Schluss, denn jetzt bittet Valentin mich um eine kurze Vorstellung. Ha.. ich hatte es geahnt 😀

So gehe ich nach vorne ans Pult, stelle mich vor und erzähle, dass ich in Deutschland auch einen Kinderchor leite, einen viel kleineren allerdings. Und dass ich begeistert bin von den Sängern hier, wie sie singen und vor allem tanzen! Und dass ich Tansania sehr mag – die herzlichen Menschen überall, die faszinierende Natur, die afrikanische Gelassenheit. Ich bekomme Applaus und erzähle weiter, dass ich in der Bright School voluntiere, siehe die Schüler, die mit mir sind, und dass es noch weitere volunteers gibt, so Kim, die doch bitte auch nach vorne kommen soll. Was sie auch tut, um zu erzählen, dass sie in New York zwar auf eine katholische Schule gegangen sei, aber vor einem Jahr zum Islam konvertiert ist. Als Valentin das übersetzen soll, fragt er nochmal nach. Islam? Moslem? Yes! Aber es gibt ja nur einen Gott und er ist für alle Menschen da, sagt Kim. Macht es denn einen Unterschied, wie er genannt wird? Sicher nicht, das findet auch Valentin. Stimmt exakt!

Nach der Messe dürfen Kim und ich uns noch in das Gästebuch der Gemeinde eintragen. Dann starten wir den Rückweg, zu Fuß. Die Jungen fragen mich, ob sie kurz nach Loliondo reinlaufen und etwas zu essen kaufen können? Es würde nur fünf Minuten dauern. Ich erlaube es und scheuche sie los, sie sollen aber schnell wiederkommen. Das scheinen sie entweder nicht gehört zu haben oder sie haben eine andere Vorstellung von schnell. Jedenfalls warten und warten und warten wir Mädels, bis wir anfangen, uns Sorgen zu machen. „Oh, they have bad manner, especially Maxwell!” stöhnt Daima.

Um die Zeit des Wartens zu vertreiben, machen wir Fotos:
Fabiola, Daima, Kim, Jesca

Man beachte die unterschiedliche Bekleidung!
Dreien ist kalt, Kim und ich schwitzen 😅

Inzwischen sind 45 Minuten vergangen und immer noch keine Jungs in Sicht! Ich beschließe, sie in Loliondo zu suchen und mache mich auf den Weg. Da Kim das Tempo einer Schnecke hat, fällt sie mit Fabiola zurück, während Daima und Jesca mich begleiten. Wir (bzw. mehr ich) werden von allen Leuten interessiert beobachtet, aber das kenne ich schon. Ein älterer Herr in Begleitung von einigen Kindern und zwei Frauen kommt uns entgegen und spricht mich auf englisch an. Es stellt sich heraus, dass er der Pastor der Pentecost Church in Loliondo ist. Er ist überaus sympathisch und natürlich kennt er Baraka und Juliana. Ich erzähle von den verlorenen Jungs und dass ich echt sauer bin. Aber er lächelt mich an, das ginge nicht, ich sei doch Christin und als solche niemals ärgerlich. Nun, etwas ärgerlich darf auch eine Christin sein, finde ich 😀 Wir verabschieden uns herzlich und hoffen auf ein Wiedersehen nächsten Sonntag in seiner Kirche.

Der Pentecost Pastor und seine Familie

Wir suchen weiter, fragen etliche Leute – einige haben die Jungs auch gesehen, aber die Suche bleibt erfolglos. Die Vorstellung, ohne die drei nach Hause zurückzukehren, ist keine gute. Ich trage hier die Verantwortung und möchte nicht versagen. Aber es bleibt uns nicht anderes übrig, als umzukehren und den Heimweg anzutreten. Da! Am Ortsausgang tauchen wie aus dem Nichts plötzlich drei Gestalten in blauen Schuluniformen auf! Fortunas, Michael und Maxwell! Ohhh, es hagelt eine Standpauke, in die ich mein ganzes Unverständnis und die angestaute Wut packe. Fortunatas entschuldigt sich schließlich im Namen aller und schaut so unglücklich, dass ich nicht länger böse bin, sondern einlenke und Frieden schließe.

Ich will endlich nach Hause, denn Lunchtime ist schon längst vorbei. Kim stöhnt, sie wäre aus New York nicht gewohnt, weiter als 200 Meter zu gehen. Und sie könne nicht schnell gehen, weil sonst ihre Haare staubig würden. Leise steigt der nächste Ärger in mir hoch, aber ich fasse Kim an der Hand, bitte Fabiola, ihre andere Hand zu nehmen und gemeinsam ziehen wir sie die Straße entlang. So kommen wir zusammen vorwärts, denn ich will keinen mehr verlieren oder zurücklassen.

Der Heimweg mit allen Kids und einer erstaunlich dynamischen Kim

Einer der Jungs bietet mir eine Banane an und damit ist auch mein Hunger etwas eingedämmt. Weniger hungrig bin ich auch friedlicher gestimmt und ich will jetzt genau wissen, was die Jungs denn so lange in Loliondo gemacht haben. Sie waren bei ihren Familien und haben da zu essen bekommen. Aha, daher stammt also auch die Banane. Mit Fortunatas unterhalte ich mich über seine Familie und seine Erfahrungen in der Schule und seinen Berufswunsch, er will ja Pilot werden. Er ist ein ganz feiner Junge mit schneller Auffassungsgabe, einem großen englischen Wortschatz und guten Aussprache. Dabei ist er erst 14 Jahre alt. Dass er alles erreichen wird, was er sich vornimmt, daran habe ich wenig Zweifel. Wenn er Pilot ist, fliegt er vielleicht auch mal nach Deutschland – ich würde am Flughafen Hannover arbeiten, er solle dann mal vorbeikommen 😊, lade ich ihn ein.

Rosie und Britten erwarten uns schon

Es ist zum Glück noch etwas vom Lunch übrig. Wir erzählen unsere Erlebnisse und auch Sophie und Dennis können erzählen, denn sie hatten in der Zwischenzeit einen nahegelegenen Berg bestiegen und sind ganz begeistert von der tollen Natur. Da sie sich noch nicht genug bewegt haben, wollen sie am späten Nachmittag auch noch einmal zum Massaidorf hochsteigen und fragen mich, ob ich mitkomme. Eigentlich würde ich lieber schreiben und ganz fit fühle ich mich auch nicht, denn ich muss immer mehr niesen. Aber ich willige trotzdem ein und so stapfen wir erneut die Wiesen hoch.

Wir treffen wieder die kleinen Hirten mit ihrer Ziegenherde

Das Wetter ist längst nicht mehr so sonnig und ich habe immer noch mein Kleid an, aber auch eine Jacke mitgenommen. Der Weg strengt mich an, ich muss öfter Pause machen. Wir gehen diesmal an dem Dorf vorbei noch ein Stück weiter auf einen kleinen Hügel und haben von da eine wunderbare Aussicht.

Aber ich merke, dass es doch keine gute Idee war – mein Körper fühlt sich etwas schlapp an und ihm hätte entspanntes Schreiben bestimmt besser getan.

Zwei Stunden später sind wir zurück und in der Zwischenzeit ist Joseph eingetroffen! Ha! Morgen gehts also in die Serengeti! Wir bereiten noch vor und gehen früh ins Bett, denn um 5:15 Uhr müssen wir schon wieder aufstehen.

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