
15.01.2020
Zum Tee bei den Massai
Auch heute steht erstmal Schule auf unserem Plan. Klasse 2 erwartet Sophie und mich erneut mit ihrem morgendlichen Singen, Tanzen und Beten. Diesmal filme ich (für euch 😊), denn Worte sind niemals in der Lage, diese tollen Kids zu beschreiben!
In der Zeit bis zur Pause wird Englisch unterrichtet. Wie am Vortag wiederholt Beatrice den alten Stoff, bevor sie den neuen beginnt. Sophie malt weiter Plakate und ich darf wieder Hausarbeiten korrigieren.
Da unsere Teachertätigkeit nicht so furchtbar effektiv ist, kehren wir nach der Pause (wieder mit Chaitee) nicht in die Klasse zurück, sondern treffen uns mit Dennis im Schlafraum der Jungen. Dort sieht es erfreulicherweise sehr viel ordentlicher und sauberer aus als am vergangenen Wochenende. Die Betten stehen in Reihe und sind gemacht, der Boden ist gefegt und die Kisten mit den persönlichen Sachen der Jungs stapeln sich an der Wand.

Genau dafür planen wir, ein Regal zu bauen, damit jeder gut an seine Sachen kommen kann. Wir haben nur ein kleines Lineal, um Maß zu nehmen, aber es sollte funktionieren. Wir diskutieren, ob Holz oder Metall besser wäre und hoffen, eines von beiden in Wasso zu finden, damit unsere Idee auch umgesetzt werden kann.

Auf einmal steht Pascal in der Tür, einer der Lehrer. Er findet unser Projekt gut. Allerdings sagt auch er, dass das Dorm am Wichtigsten ist und dringend gebaut werden muss. Andernfalls würde die Schule durch die Regierung geschlossen werden. Es ist ernst! Gestern hatten Dennis und Pat mit Baraka begonnen, die Bewerbung bei Global Giving anzulegen. Allerdings fehlen noch einige Angaben und Unterlagen. Zudem ist immer noch nicht sicher, ob die Vorgängerorganisation, die Baraka und Juliana vor der Schule gegründet haben, als Trägerorganisation in Frage kommt. Anyway, wir volunteers haben beschlossen, dass wir sowohl Fundraising als auch unmittelbare Verbesserungen für die Schule erreichen wollen. Und deshalb werden wir, sollten wir hier die Materialien bekommen, das Regal auch bauen.
Eine Sache interessiert mich noch nebenbei und ich frage den jungen Lehrer, wie lange es schon Elektrizität an der Schule und in der Region gibt. Denn ich hatte gestern darüber etwas gehört, was ich kaum glauben konnte. Diese einfache Frage bringt Pascal komplett aus dem Tritt. Er ziert und windet sich und meint schließlich, dass er es nicht wisse. Ich frage ihn, wie lange er schon an der Schule ist, und er meint zwei Jahre. Ob die Elektrizität denn vorher schon da war oder nachdem er hier angefangen hat, hake ich nach. Ich wäre wie seine Mutter! Die wäre auch immer unerbittlich, wenn sie etwas wissen wolle. Ich begreife überhaupt nicht, was an der Frage denn so schlimm, peinlich oder problematisch ist! Und bleibe unerbittlich ☺️ Letzten Endes gibt er nach und bestätigt, was ich gehört hatte: erst seit einem Jahr gibt es Strom in der Region! Nun, vielleicht finde ich es noch heraus, was für ihn das Problem war. Was jedenfalls den Strom angeht, bin ich doch froh, dass ich jetzt hier bin und nicht vor einem Jahr.

Gegen 13 Uhr wandern wir alle gemütlich nach Hause zum Lunch. Unvorstellbar, dass wir immer so Hunger haben, trotz der drei reichhaltigen Mahlzeiten pro Tag. Inzwischen ist es ziemlich warm geworden und ich schlage vor, unser Mittagessen auf den Stufen vor dem Haus einzunehmen. Es ist toll, so in der Sonne zu sitzen und auf die grünen Hügel gegenüber zu schauen.

Für den Nachmittag haben wir noch etwas Besonderes vor. Mit Juliana wollen wir die Familie von drei Mädchen besuchen und werden also zu deren Massai Dorf wandern, das laut Juliana nur 20 Minuten entfernt den Berg hinauf liegt. Wir starten um 17 Uhr zusammen mit Margret und den drei kleinen Mädchen Cecilia, Jenifer und Naningoi, die unter der Woche bei Juliana und Baraka übernachten. Mit dabei ist auch Supati, die sowohl die Mutter von Jenifer und Naningoi als auch die ältere Schwester von Cecilia ist. Supati ist 32 Jahre alt und hat auch ihr fünftes und jüngstes Kind dabei, das sie auf ihrem Rücken trägt. Sie hat sich mit ihrem Mann zerstritten, weshalb sie für eine Weile wieder bei ihrer Mutter lebt. Diese Mutter werden wir also besuchen.

Der Berg liegt auf der anderen Seite der Hauptstraße und ist nicht furchtbar steil. Die drei Massaimädchen hüpfen in ihren dünnen Schuhen vor uns her über den erdigen Pfad, der zunächst zwischen Weideflächen entlang führt, auf denen auch Büsche und einige Bäume wachsen. Von einer Wiese, auf der ein Trecker das Gras mäht, weht ein wunderbar würziger Duft nach Minze zu uns herüber. Obwohl es keine Minze ist, wie Juliana uns versichert. Die Abendsonne taucht die grüne, fast liebliche Landschaft in ein sanftes Licht. Ich genieße diese Natur ebenso wie die Menschen um mich herum, die mir nach fast einer Woche schon sehr vertraut und lieb geworden sind.

Cecilia vor mir trägt einen Beutel, der nicht ganz leicht aussieht und den sie sich über den Kopf gezogen hat. Ich lasse mir den Beutel geben und bin erschrocken, wie schwer er ist! Er wiegt bestimmt 10 Kilo und ich fühle mich schlecht, weil ich es ihr, der Siebenjährigen, nicht anbiete, den Beutel zu tragen. Cecilia aber lacht, er wäre gar nicht schwer, legt sich die Trageschlaufen wieder über den Kopf und läuft weiter. Wie können diese kleinen Kinder so stark sein? Ich weiß, dass es mich echte Anstrengung kosten würde, müsste ich den Beutel bis nach oben tragen…

Denn inzwischen ist klar, dass es afrikanische 20 Minuten sind. Was aber auch daran liegt, dass Juliana und Margret sich ganz gewissenhaft an die afrikanische Parole „Pole, Pole!“, „Langsam, langsam!“ halten 😀 Eine Stunde stapfen wir schon den Berg hoch und sind noch lange nicht am Ziel. Inzwischen ist der Weg steiniger und ein Massaijunge mit seiner Herde aus Schafen, Ziegen und Kälbern hat sich zu uns gesellt. Die jungen Tiere sind entzückend, versuchen im Laufen bei ihrer Mutter zu trinken und lassen sich streicheln, zumindest, so lange sie auf das Nuckeln an der Zitze fokussiert sind.

Die Luft wird etwas kühler, das Licht noch abendlicher, als wir nach einem letzten Bergkamm das Dorf erreichen. Wir werden erwartet, denn Supati ist uns schon vorausgegangen. Ihre Mutter und eine weitere Massai stehen vor einem niedrigen Lehmhaus und begrüßen uns herzlich. Hände werden geschüttelt, Juliana macht uns bekannt und wir bekommen die Erlaubnis, Fotos zu machen. Supatis Mutter lädt uns auf einen Tee in ihr Haus ein. Dieser Einladung und den drei Massaifrauen folgen wir gerne, auch wenn Juliana uns vor dem starken Rauch in der Hütte warnt.





Das Haus ist rechteckig und aus starken Ästen, Zweigen, Kuhdunk und Lehm gebaut und hat keine Fenster. Der schmale und niedrige Eingang führt zunächst in einen kleinen Vorraum, der für das Vieh genutzt wird und von dem eine noch engere Öffnung in einen vielleicht 10 m2 großen, dunklen Raum führt. Pat voran und ich hinterher quetschen wir uns hinein. Beißender Rauch lässt unsere Augen tränen, wir können kaum atmen. In der Mitte des Raumes brennt zwischen ein paar Steinen ein kleineres Feuer, ein Topf mit Wasser steht auf den Steinen. Gegenüber der Öffnung ist ein Bereich, wo Holz, Kochutensilien, Nahrungsmittel und andere Dinge aufbewahrt werden, die in der Dunkelheit aber nicht gut zu erkennen sind. Auf den beiden Seiten rechts und links des Eingangs befindet sich jeweils eine breitere, höhere Fläche, auf der eine getrocknete Tierhaut liegt. Das sind die Betten, erklärt Juliana, die sich hinter uns in den Raum schiebt, in den jetzt gefühlt keine Maus mehr passt. Auf dem linken Bett sitzen schon Supati mit Baby und ihre Mutter, die dritte Frau auf einem Hocker daneben. Juliana lädt uns ein, auf dem rechten Bett Platz zu nehmen. Das sei das Bett des Ehemannes, erklärt sie. Aber der wäre so gut wie nie zu Hause. Denn bei den Massai haben die Männer mehrere Frauen. Wie viele, hängt von seinem Reichtum ab, also von der Größe seiner Rinderherde. Und jede der Frauen hat ein eigenes Haus, so dass der Mann immer abwechselnd bei seinen Frauen wohnt.

Für Juliana, Sophie und Dennis sind noch drei weitere Hocker da. Pat und ich haben Glück, der Rauch zieht auf die gegenüberliegende Seite und nach einer Weile der Gewöhnung ist das Atmen und Sehen einfacher für uns. Da sitzen wir also in gemütlicher, enger Runde in einem Massaihaus und ich fühle mich absolut großartig. Wir bewundern das Haus und Supatis Mutter erklärt uns, dass sie es in drei Monaten selbst gebaut hat. Das Grundgerüst besteht aus stabilen Ästen, die in den Boden gerammt sind. Die Wände bestehen aus Ästen und Zweigen, die mit einer Mischung aus Lehm und Kuhdunk quasi verputzt werden. Ähnlich wird das flache Dach gefertigt. Häuser werden immer von den Frauen gebaut. Und sie wirken auch stolz darauf.

Wir stellen weitere Fragen und Juliana übersetzt für uns. Warum das Haus keine Fenster und keinen Rauchabzug habe, will ich wissen. Denn ich könnte es mir schon angenehmer und gesünder für die Menschen hier vorstellen. Es ist zu viel Wind, erklärt Supati. Ah, okay!
Sie ihrerseits ist neugierig, wie alt wir sind, was wir auch bereitwillig erzählen. Sie kichern alle drei, als wir feststellen, dass Pat die älteste von uns ist. Die Stimmung ist sehr gelöst und lustig, wie bei einem Plausch unter Nachbarn oder Freundinnen. Und das sind ja auch die beiden Frauen für Juliana – wie umgekehrt.

Uns interessieren natürlich auch die Familienverhältnisse. Supati ist die erste Frau ihres Mannes und hat fünf Kinder, wie wir schon wissen. Allerdings ist das älteste Kind nicht ihr eigenes und auch keines ihres Mannes. Nach der Hochzeit bekommen die Frauen ein fremdes Kind zur Obhut, so ist es bei den Massai Tradition. Supatis erstes Kind war zwei Jahre alt, als sie es aufgenommen hat. Ihr Mann hat noch drei Mal geheiratet und erst (!) weitere vier Kinder mit seinen anderen Frauen, da diese noch sehr jung sind. Wenn Männer alt sind und nicht mehr arbeiten können, bleiben sie bei ihrer jüngsten Frau, die sich dann um ihn kümmert. Das finden wir alle eine gute Regel!

Das Wasser kocht und Supati schüttet losen Tee und Zucker hinein, während Cecilia einige Emaillebecher bringt. Mit bloßen Händen nimmt Supati den Topf vom Feuer und schenkt den Tee in die Becher. Wow… (aua!) Jeder von uns bekommt einen Becher und wir trinken vorsichtig. Der Tee ist wie erwartet süß und schmeckt sehr gut.
Wir kommen auch auf das Thema Schulbildung zu sprechen. Alle drei Frauen sind modern eingestellt und schicken ihre Kinder zur Schule. Ihnen ist es wichtig, ihren Kindern eine neue, gute Zukunft zu ermöglichen. Bezahlen können sie die Schule nicht, sie gehören zu den Familien, die Juliana und Baraka umsonst aufnehmen und unterstützen. Und das sind etliche…
Pat ist wie immer unerschrocken und fragt nach, ob denn die drei beschnitten wären. Uih! Heikles Thema, denke ich. Aber es gibt nur ein bisschen Gekicher, dann antworten die Frauen ganz offen. Ja, sie wären beschnitten, aber sie wissen, dass Beschneidung nicht gut sei und sie möchten ihre Töchter davor bewahren. Wir beglückwünschen sie zu dieser Einstellung. Juliana meint allerdings nachher, dass sie nicht ganz sicher sei, ob das wirklich stimme.


Eine gute Dreiviertelstunde später krabbeln wir alle wieder aus der Hütte – und fühlen uns sehr beschenkt, aber auch wie geräucherter Fisch 😀 Einige Gruppenfotos werden gemacht und wir besuchen auch noch das Haus der dritten Frau, die uns stolz ihre restlichen Kinder vorstellt. Dann drängen wir Volunteers ein bisschen, denn inzwischen ist es fast dunkel und wir haben ja noch den ganzen Heimweg vor uns. Keiner möchte sich gerne die Haxen brechen.



Ein herzlicher Abschied von unseren Gastgeberinnen und im allerletzten Tageslicht laufen wir zusammen mit den drei Mädels, Juliana und Margret den Berg hinunter. Ich habe Naningoi an der Hand und wir beide laufen voraus. Naningoi kennt den Weg auch im Dustern und springt wie ein Reh – ich muss aufpassen, dass ich mithalten kann.
Ein Stern nach dem anderen erscheint und noch bevor wir unser Haus erreicht haben, ist der Himmel übersät mit einem funkelnden Sternenmeer. So nah und so klar, dass sich keiner dieser Magie entziehen kann. Was für ein wundervoller Tag!
