
13.01.2020
Geld, Müll, Aids und FGM
Wieder hat es in der Nacht stark geregnet. Und es ist kühl, sogar kalt, so dass ich unter meiner Decke etwas gefroren habe. Loliondo liegt auf 1.800 Metern Höhe und es ist noch Regenzeit, die von November bis Februar dauert. Tagsüber kann es bis zu 28 Grad werden. Diese Temperaturen sollen auch in den nächsten Tagen erreicht werden. Heute aber brauche ich noch Hose, Pulli und Jacke, damit mir warm ist.

Wir starten um 10 Uhr und fahren mit Juliana und einigen Kindern, darunter Zenati, zusammen mit dem Schoolbus erst zur Schule, wo wir die Kinder absetzen, und dann weiter nach Wasso, um Kopien von unseren Reisepässen machen zu lassen, die Baraka für unsere Anmeldung bei der Gemeinde braucht. Es sind nur vier Pässe, aber dieses Unterfangen dauert in dem kleinen Gemischtwarenladen, der wie die viele Läden Gitter hat, hinter denen die Waren und der Verkäufer in Sicherheit sind, dauert eine geschlagene halbe Stunde. Und dann sitzen wir rum und warten auf Juliana, die noch Besorgungen machen muss.

Wir setzen uns vor einen Laden und fangen an, unsere ersten Eindrücke über die Schule zu sortieren und zu überlegen, welche Themen wir mit Baraka und Juliana besprechen wollen.
Unser wichtigster Punkt ist es, herauszufinden, wie die Schule effektive finanzielle Unterstützung bekommen kann. Denn dass dringend Geld für das Dormitory und weitere Investitionen benötigt wird, haben wir begriffen. Wir möchten die Schule gerne bei Global Giving und bei ähnlichen deutschen Organisationen anmelden, damit ihr Spendengelder zufließen und Spender eine Spendenbescheinigung bekommen können. Aber uns fehlen Infos, z.B. hat die Schule einen NGO/NPO Status? Wie viel Geld kostet der Bau? Wie viel Geld haben sie schon?
Nächstes Thema ist Hygiene. Wo duschen die Kinder, die in der Schule wohnen? Haben alle eine Zahnbürste? Wie waschen sie sich die Hände, wenn die Toiletten kein fließendes Wasser haben? Wer wäscht die Kleidung der Internatsschüler und wo?
Und dann der Müll. Auch wenn Dennis meint, dass es hier im Vergleich zu vielen anderen Ländern auf der Welt sauber ist, liegt doch immer wieder Müll herum, sowohl in der Schule wie auch in Barakas Haus. Wenn man die Kinder in der Schule fragt, wo der „bin“ (Mülleimer) ist, führen sie dich zum Ende des Grundstücks, wo in einem flacheren Loch in der Erde der Müll gesammelt wird. Wenn das der einzige Mülleimer der Schule ist, kann man sich gut vorstellen, dass nicht viel Müll dort landet.

Auch bei Baraka ist es nicht viel anders. So sauber das Haus ist, überall verstreut auf dem Grundstück liegt Müll. Obwohl es auch hier einen Platz im angrenzenden Wäldchen gibt, wo der Abfall gesammelt wird, landet nur ein Teil dort. Besonders leere Wasserflaschen fallen ins Auge. In Tansania gibt es kein Recyclingsystem. Der Müll wird verbuddelt und/oder verbrannt…
Nächstes Thema sind fehlende Materialien und die spärliche Ausstattung der Schule. In keinem der Räumen gibt es Regale oder Ablagesysteme. Nirgendwo stehen Mülleimer, nicht in den Klassenräumen oder noch irgendwo auf dem Gelände (siehe oben). Die Kinder haben keine Bälle für Fußball oder Basketball – allerdings gibt es Softbälle, in dem leere Toastbeutel mit weiteren Folien gefüllt werden und fertig ist der Softball. Das ist ein tolles Recycling 😀 Von weiteren Sportgeräten aber ganz zu schweigen.
Was auch fehlt sind Computer für die Lehrer und die älteren Schüler. Nur im Sekretariat steht einer, den die Schulsekretärin Diana für ihre Arbeit nutzt. Die Lehrer bereiten ihren Unterricht handschriftlich vor, genauso wie zum Beispiel der Stundenplan auf ein großes Papier geschrieben wird. Das ist natürlich nicht dramatisch, aber mehr Input durch das Internet wäre mehr als wünschenswert.

Während wir so zu viert in Wasso auf den Stufen vor einem Laden sitzen und Dennis (Sekretary Dennis 😊) die Themen und unsere Ideen dazu in einer Kladde festhält, setzt sich ein Mann zu uns und beginnt ein Gespräch. Er erzählt uns, dass sich Wasso erst in den letzten drei Jahren entwickelt hat. Vorher war es kleiner, unbedeutender Ort. Inzwischen zieht es aber immer mehr Leute an, die hier ihr Business starten. Das ist gut für die Region, denn die nächstgelegene, einzige Stadt von Bedeutung ist Arusha und wir wissen, wie lange es dauert um dorthin zu kommen! So geht Brightness, die 13jährige Tochter von Baraka und Juliana in Arusha zur Secondary School. Auch alles, was nicht unmittelbar für den täglichen Bedarf bestimmt ist, muss aus Arusha besorgt werden.
Auf unsere Liste kommt ein weiteres Thema. Wir wissen, dass Aids hier ein Problem ist. Die HIV Infektionsrate bei den Massai ist sehr hoch, was an der polygamen Lebensweise und der fehlenden Bildung liegt. Viele Kinder tragen den Virus in sich, ohne dass sie jedoch erkrankt sind. Die Krankheit bricht aber oft erst viele Jahre später aus und die Menschen sind bis dahin nur sehr gering ansteckend. Dies beruhigt mich, denn der Kontakt mit den Kindern ist schon eng und ich genieße das sehr. Sobald ich irgendwo auftauche, kommen sofort etliche Kinder auf mich zugelaufen. Jeder will meine Hand nehmen und oftmals hängen sich mehrere Kids an beide Hände. Sie umarmen spontan und streichen auch schon mal neugierig über meine käsigen Arme oder interessieren sich für meine Uhr, meinen Ring, das Armband. Alle sind so wunderbar offen, freundlich und immer fröhlich, dass ich jedesmal ganz erfüllt und mitgerissen bin von so viel positiver, ansteckender Energie.

Und noch ein zweites Gesundheitsthema beschäftigt uns, seit Juliana uns davon erzählt hat: FGM/FMC, das für Female Genital Mutilation/Cutting steht, was die Verstümmelung oder Beschneidung weiblicher Genitalien meint. Unter den traditionell lebenden Massai ist diese Praktik noch weit verbreitet. In Tansania ist Beschneidung zwar per Gesetz verboten, aber das verhindert nicht, dass immer noch zu viele Mädchen diese schmerzvolle und oft traumatisierende Prozedur über sich ergehen lassen müssen. Auch wenn hier schon die Bemühungen um Bildung erste Früchte tragen und Mütter, die zur Schule gegangen sind, ihre Töchter davor bewahren wollen, sind es oft die älteren Familienmitglieder, die darauf bestehen und sich nicht selten durchsetzen. Juliana hat von einem Mädchen erzählt, dass sie bei sich auf Wunsch der Mutter aufgenommen haben und quasi vor der eigenen Familie verstecken, um sie vor der Beschneidung zu beschützen.
Im Laufe des chilligen Nachmittags, den wir zu Hause verbringen, recherchiere ich mehr über dieses Thema und bin erschüttert, was es für Folgen für die Betroffenen hat. Mit Sophie, unserer angehenden Ärztin (die zudem gerade passend das Buch Wüstenblume von Waris Dirie liest), spreche ich über die verschiedenen Arten der Verstümmelung und deren Auswirkungen. Die von der WHO eingeführte Klassifizierung unterscheidet zwischen drei bzw. vier Typen. Es ist uns unvorstellbar, wie Frauen die Prozedur bei Typ III aushalten können, wenn ihre äußeren Geschlechtsmerkmale komplett entfernt und sie anschließend zugenäht werden, so dass nur noch ein streichholzgroßes Loch übrig bleibt, durch das Harn und Menstruationsblut austreten können. Und dass diese Öffnung bei jedem Sex massiv verletzt oder wie für die Geburten der Kinder aufgeschnitten werden muss. Einfach nur furchtbar. Umso wichtiger ist die Bildung der heranwachsenden Generation, damit diese Praktiken irgendwann der Vergangenheit angehören.
Dieser Tag war der erste, an dem nicht viel Aktion gewesen oder Neues passiert ist. Aber er hat uns die Gelegenheit zur Reflexion und für einen kreativen Austausch gegeben und wir haben nicht nur eine Sammlung von Punkten und sondern auch ein paar Ideen, die wir hoffentlich umsetzen können.