
10.01.2020
Die Anreise – Teil 2
Da wir beim Abendessen von unseren drei Begleitern überredet worden waren, nicht vor dem Aufstehen zu starten, hatten wir die Abfahrtzeit auf 7 Uhr verschoben. Pünktlich steht dann heute der Jeep vor unserem Hostel, aus dem John, Johnson, Jonathan und ein jüngerer Junge aussteigen. Der Junge stellt sich als James vor, ist 14 Jahre alt und der Bruder von Jonathan. Uns interessiert, wie denn die anderen Familienmitglieder heißen und bekommen bereitwillig Auskunft: die Schwestern von John und Johnson heißen Juliana (Frau von Baraka) und Jennifer, dann gibt es noch Joffrey, Justin, Josef, Judith und Jeremiah! Wir stellen scherzhaft die Frage, ob die Familie wisse, dass es für Namen durchaus mehr Anfangsbuchstaben im Alphabet gäbe als J! Wir könnten gerne ein paar Vorschläge machen. Die vier lachen und so beginnt der Tag mit wesentlich besserer Stimmung als der gestrige geendet hatte. Diesmal muss nicht nur das Gepäck aufs Dach gehieft und dort verstaut werden, sondern es tauchen auch noch vier Autoreifen aus dem Inneren des Jeeps auf, die außen am Auto mit Schnüren befestigt werden. Dies alles geschieht gründlich und in einer Ruhe, so dass es inzwischen 7:45 Uhr ist, als wir uns alle in den Jeep quetschen (7 Plätze für 8 Personen plus Restgepäck).

Bevor es zum Ngorongoro Nationalpark geht, fahren wir noch in ein nahe gelegenes Café zum Frühstücken. Wieder gibt es Omelette, diesmal spanisch (mit Gemüse), und Chapati. Eine weitere Stunde später (!) und in gespannter Vorfreude steigen wir wieder in den Jeep, nur Johnson nicht, der in Karatu bleibt (angesichts des Platzmangels im Auto sind wir darüber nicht ganz traurig).
Während der 15 minütigen Fahrt zum Eingang des Nationalparks erfahren wir allerdings, dass John mit dem Auto nicht in den Krater fahren wird. Der Jeep würde es nicht schaffen, ist seine Erklärung. Er wirkt entschlossen und zeigt sich wenig kommunikativ. Jonathan übernimmt die Rolle des Vermittlers und Übersetzers, spricht er doch wesentlich besser Englisch als sein Vater und ist mit seinen 19 Jahren erstaunlich ruhig, überlegt und diplomatisch. Bei uns macht sich jedoch erneut Ärger breit, da wir uns schon etwas ausgeliefert und benachteiligt fühlen.
Ich will es kurz machen, aber wir haben tatsächlich geschlagene zwei Stunden (!!) vor dem Eingang des Parks verbracht, um zu klären, wie es weiter gehen soll. Wir vier Volunteers wollten eine Safari (schließlich sollten wir ja teuer bezahlen und wenn schon, dann wollten wir auch bitte gleich alles und ausführlich sehen!) und unsere Begleiter sowie Baraka, der per Dauertelefonate als unsichtbarer Achter ordentlich mitmischte, wollten auf schnellstem und sichersten Weg nach Hause. Pat jedenfalls ist relativ relaxed und weist freundlich darauf hin, dass wir hier schließlich die Adventure Tour gebucht haben and not the normal one. 😅

Letztendlich willigen wir ein, den teuren Eintritt zu bezahlen, auf den Krater zu verzichten und durch den Park auf direktem Wege nach Loliondo zu fahren – mit der Versicherung der „anderen Seite“, dass wir die Tour mit ausgiebiger Zeit für Fotos und Pausen machen und auch ohne Krater massenhaft Tiere sehen würden. Versprochen!
Und so ist es dann auch! Die nächsten sieben Stunden lassen uns eine so großartige Natur erleben, dass uns Afrikas Schönheit fast die Sprache verschlägt und wir uns nur noch freuen, hier zu sein und dieses Geschenk erfahren zu dürfen.



Der Krater! Diese riesige Fläche wirkt in dem unfassbar weichen Licht wie magisch.
Es ist ein Blick in den Garten Eden, der uns ganz andächtig werden lässt.
Wir sind zu weit entfernt, um Tiere genauer bestimmen zu können, wissen aber, dass in diesem Paradies bis zu 25.000 Tiere leben, darunter die Big Five – Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Büffel.







Wir lassen den Krater hinter uns und fahren in rasanterem Tempo in die Hochland-Savanne. Das Dach des Jeeps ist inzwischen geöffnet und es ist ein Vergnügen, Wind und Sonne zu spüren. Auch wenn ich aufpassen muss, dass mich gut festhalte. John hat beileibe keinen zimperlichen Fahrstil!

Dieses Gebiet markiert das südliche Ende des ostafrikanischen Rift Valley, das als „Grand Canyon der Evolution“, als Wiege der Menschheit gilt.

Shifting Sand ist eine 17 m pro Jahr wandernde Sicheldüne aus Vulkansand. Dieser ist so heiß, dass man ihn kaum in den Händen halten kann, ganz zu schweigen davon, mit nackten Füßen darauf zu stehen.

Wir sind noch nicht von der Düne herunter, da kommen zwei Massaifrauen auf unseren Jeep zugelaufen, die uns ihren selbstgemachten Schmuck anbieten (die Händler sind auch hier!). Sie fordern einen zu hohen Preis für den Stern aus kleinen, bunten Kunststoffperlen, den ich kaufen möchte, sagt Jonathan und handelt noch aus, dass ich ein Foto von den beiden machen darf. Für mich sind die umgerechnet vier Dollar nicht soo viel und ich gebe sie gerne. Aber den beiden Frauen ist es nicht genug und sie fordern nach dem Foto noch eine extra Bezahlung dafür. Okay – nochmal 1.000 Tansania Schilling mehr. Freundlicher schauen die beiden danach aber trotzdem nicht..

Nach der Düne durchfahren wir für mehr als zwei Stunden eine Savannenlandschaft. Riesige Herden von Gnus und Impala-Antilopen – soweit das Auge reicht! Die Fotos können nicht annähernd wiedergeben, wie unglaublich beeindruckend es ist.

Die schwarze Linie unterhalb des Horizonts – alles Tiere! Tausende, Hunderttausende!
Neben Gnus und Impalas sehen wir auch Riesen-Elanantilopen, Zebras, Giraffen und Strauße. Etwas später bewundern wir einen Sekretär, eine große Greifvogelart, die ihre Beute mit Fußtritten tötet. Und nur 10 Meter von unserem kurzen Halt für eine (Pee-)Pause hocken nicht nur wir im Gras, sondern auch zwei Hyänen, die wir aber zum Glück erst entdecken, als wir schon wieder im Auto sind!

Wir finden die Reste eines Zebras, an denen sich eine große Gruppe Geier genüsslich sattfrisst.

An einem weiteren Fluss steht dieser gigantische Baum, der Heimat für giftige Schlangen ist, wie Jonathan erklärt. Weshalb wir ihn auch nur vom Auto aus ausgiebig bewundern.




Es ist inzwischen 18:30 Uhr und John fährt immer noch voll konzentriert. Welch eine Leistung bei diesen „Straßen/Wegen“, die eigentlich keine sind und uns Mitfahrer oft heftig durchschütteln. Ich frage mich, wie wir am Vortag diesen Weg gefunden hätten, denn es wäre schon direkt nach dem Krater dunkel geworden. Und schon heute treffen wir über mehrere Stunden kein einziges Fahrzeug. Nur Massai, deren Heimat dieses riesige Gebiet ist, sehen wir immer wieder, sowohl Hirten, die ihre Kuh-, Ziegen- und vereinzelt auch Schafherden hüten sowie deren in den Busch geduckte Dörfer.

Wasso, die erste größere Ortschaft nach fast sieben Stunden, liegt nur noch wenige Minuten von unsren Ziel entfernt. John aber hält an fast jedem Auto an, das ihm entgegenkommt, begrüßt ausgiebig alle Insassen und tauscht teilweise auch noch die wichtigsten Neuigkeiten aus.

Doch nun, endlich, nach gut 60 Stunden Anreise (für mich) sind wir da! Barakas und Julianas Zuhause, das auch unsers sein wird für die nächsten Wochen, ist ein kleiner Hof mit einem Haupthaus und mehreren Nebengebäuden.
Karibu! Karibu! A warm Wellcome! So werden wir von Baraka und Juliana sowie vielen weiteren Menschen, einige Erwachsene und unzählige Kinder, herzlich begrüßt. Hühner und Hunde laufen über den Hof und alles wirkt sehr einfach. Wir entdecken ein Solarpanel, das vor dem Haus auf dem Boden liegt und von dem eine schnurähnliche Leitung durch ein Fenster ins Haus führt. Auf einer Gruppe von Büschen sind bunte Kleidungsstücke zum Trocknen ausgebreitet.
Juliana nimmt uns in das unverputzte Steinhaus mit und wir stehen in einem größeren Raum mit Steinfußboden, der zur Hälfte von einem einfachen, roten Teppich bedeckt ist und in dem sich zwei Sitzgruppen und ein paar Möbel befinden. Juliana zeigt uns unsere Zimmer, die von dem mittleren Raum abgeben. Sophie und Dennis beziehen das kleinere mit einem Doppelbett, Pat und ich das größere mit ebenfalls einem Doppelbett, das ich Pat überlasse, und einem einfachen Doppelstockbett aus Eisen, das mir lieber ist, weil ich so mein Moskitonetz einfach über dem unteren Bett befestigen kann. Es gibt noch ein weiteres Gästezimmer, in dem momentan Barakas Bruder Nathan übernachtet.

Ja, und dann ist da auch ein Badezimmer! Mit einem richtigem Klo, das auf einem Podest thront, sowie einer Dusche in der rechten Ecke. Leider eine Dusche im African Style, wie Juliana entschuldigend erklärt: ein großer Bottich auf einem Ständer, daneben eine Schüssel auf einem Hocker und davor zwei 20-Liter-Eimer mit Schöpfgefäßen wie ein Litermaß – einer mit heißem, einer mit kaltem Wasser. Ha! A bucket shower – großartig! Ich hatte mich in meinen afrikanischen Tagträumen immer unter einer Eimerdusche gesehen, allerdings unter freiem Himmel 😉 Nun, dass jetzt hier ein Badezimmer ist, damit kann ich mich arrangieren.
Wir haben einen netten Austausch mit unseren Gastgebern und ich überreiche meine Mitbringsel – meinen bockigen Londonkoffer (das ist ein Insider – Wiebke, du weißt es!) mit Kinderkleidung und zwei Laptops. Ich entschuldige mich dafür, dass es so wenig Kleidungsstücke und nur zwei Laptops sind, was bei meinen drei Mitreisenden einige Belustigung auslöst. Sie haben nichts mitgebracht, was auch völlig ok ist. Juliana und Baraka stellen uns ihre beiden Töchter vor, Brightness (13) und Britten (6), und erzählen uns, dass auf dem Hof noch weitere 17 Kinder aus der Schule leben und momentan auch noch ein paar Gäste hier weilen. Aha, das erklärt also die vielen Leute!
Juliana hat Dinner für uns und verschiedene kleinere und größere Kinder tragen Töpfe, Teller, Warmhaltekannen mit heißem Wasser und heißer Milch sowie Teebeutel, Kaffeepulver und Chilisoße auf den Couchtisch. Wir vier nehmen Platz und fallen einigermaßen hungrig über Reis, Bohnen und Fleisch her, das alles sehr tasty ist und uns gut tut nach diesem langen Tag.

Ich nutze als erste den bucket shower und stelle fest, dass ich für die Dusche inklusive Haarwäsche nicht mehr als 10 Liter Wasser benötige! Wahnsinn! Ich fühle mich nicht nur sauber sondern auch ausgesprochen gut!
Es sind wahrlich einfache Wohnverhältnisse. Mit nichts zu vergleichen, wie ich bisher gewohnt habe. Aber ich bin in Afrika in einem kleinen Dorf an der Grenze zu Kenia. Ich wusste vorher, dass dies eine Reise mit Herausforderungen auch an meinen vertrauten Lebensstil sein würde. Und ich merke, dass es mir leicht fällt, all dies hier anzunehmen. Zum einen liegt es an der Herzlichkeit und Unkompliziertheit unserer Gastgeber. Dann auch daran, dass die anderen drei Volunteers nicht den Eindruck vermitteln, sich unwohl zu fühlen, ganz im Gegenteil. Und dann daran, dass ich genau diese Erfahrungen machen möchte. Es werden noch viel mehr werden. Aber darüber erzähle ich nicht mehr heute 🙂