(M)Eine Zeit auf dem Jakobsweg

30.08.2017
Ihr Lieben!
Nun bin ich also angekommen – auf meinem Camino nach Santiago de Compostela. Und habe schon – anders als vorher geplant – die erste, heftigste Etappe hinter mir. Nach dem langen Marsch gestern nehm ich mir heute Zeit für all das, was in den letzten beiden Tagen zu kurz gekommen ist. Also, Zeit zur Erholung, Zeit zum Schreiben, Zeit zum Nachdenken und vor allem Zeit für zum Alleinsein. Denn die gab es bisher noch nicht wirklich und das ist auch eine Erfahrung! Da ich aber genau das möchte, muss ich mich hier von all den vielen Mitpilgern etwas absetzen. So sitze ich jetzt noch in Roncesvalles, während der Tross schon weitergewandert ist und kann schon ein bisschen berichten:
Nach zwei kurzen Flügen von Hannover über Stansted nach Biarritz und einer einstündigen Taxifahrt (mit einer Zufallsgemeinschaft von zwei Männern aus Bremen, einer sympathisch sächselnden Frau und einer Dänin) vom Flughafen nach Saint-Jean-Pied-de-Port war ich am Montag Nachmittag am Ausgangsort meines Weges gelandet. Ich hatte keine Unterkunft vorgebucht, denn die Idee war, gemütlich durch den Ort zu schlendern und die schönste Herberge auszusuchen. Hm – im Taxi habe ich dann aber doch telefoniert und in der katholischen Herberge (war vorher schon mein Favorit) zwei Betten für die Sächsin namens Silke und mich reserviert. Bei einem deutsch sprechenden Hospitalero mit dem schönen Namen Jean-Marie 🙂
Jean-Marie und seine Frau empfingen uns mit offenen Armen und gegen eine Spende von 20 € konnten wir zwei Betten in dem 10-Bett-Zimmer (mit zwei sauberen Bädern) der Herberge beziehen.
Bis zur Messe um 19 Uhr haben wir den hübschen Ort erkundet, um dann bei einem – natürlich französisch – gehaltenem Gottesdienst in einer schönen Kirche am Ende einen Pilgersegen zu erhalten. Das Abendessen in der Herberge mit den sieben weiteren Pilgern übertraf alle Erwartungen!! Fünf (!) Gänge, einfach, aber selbstgekocht und lecker, Wein, eine fröhliche Herzlichkeit in französisch, englisch, deutsch und auch etwas spanisch mit einem gemeinsamen Lied zum Abschluss: Tous les matins nous prenons le chemin;
tous les matins nous allons plui loin;
jour après jour, la route nous apelle;
c’est la voie – de Compostelle:
Ultreïa ultreïa et sus eïa
Deus adjuva nos
und noch zwei weitere Strophen 🙂
Und dann die erste Nacht.. Ein Bett, fast so gut wie zu Hause und keiner hat geschnarcht!!! Frisch ausgeruht gehen Silke und ich um 8 Uhr an den Start. Mein Ziel für diesen Tag: 8 Kilometer bis Orisson. Dort hatte ich im Vorfeld ein Bett gebucht, denn mein Respekt vor einer Strecke von 25 km über den 1430 m hohen Pass war riesengroß. Nach zwei Stunden in Orisson angekommen, cancelte ich aber mutig (oder übermütig) mein Bett, um weiterzugehen und die restlichen 17 km in Angriff zu nehmen. Hier geh ich zunächst alleine – Silke ist schon eher aus Orisson aufgebrochen (wo übrigens ein Gewitter uns zu einer längeren Pause zwang). Und ich genieße es! Eine Traumstrecke durch (äh, nein!) ÜBER! die Pyrenäen, bei der zwar irgendwann jeder Schritt erkämpft werden will, die aber mit solch atemberaubenden Aussichten belohnt, dass es keiner weiteren Motivation bedarf! (Außer natürlich Unterstützung in Form von häufigen Pausen, Traubenzucker, Proteinriegel, Wasser und einem Käsesandwich, dass ich wohlweislich noch in Orisson als Wegzehrung gekauft habe, denn auf der ganzen Strecke ist nichts außer Natur und hoher, weiter Himmel).
Tiere am Wegrand: Kühe, Schafe (lebendige und tote), Pferde – mit Kuhglocken, weil freilaufend- , massenhaft Adler, Geier. Die Vegetation eher flach, aber Kräuter am Wegrand, Farn, blühende Silberdisteln und Heide, Blaubeerkraut und Brombeeren. Ab und an auch kleine Wälder.
Auf dem Weg trifft man in regelmäßigen Abständen immer wieder die Pilger, die ein ähnliches Tempo gehen. Australier, Deutsche, Amerikaner; und alle wünschen sich immer freundlich und aufmunternd „Buen camino!“ Zum Glück sind es aber nicht zu viele Menschen, so dass man streckenweise auch ganz alleine ist.
Achteinhalb Stunden nach dem Start am Morgen dann die Überquerung des Passes. Von da an nur noch steil bergab, durch einen Wald wie im Märchen. Inzwischen ist Silke wieder an meiner Seite. Auf spanische Zeitangaben auf den Schildern – 5,2 km / 1 h – darf man nicht reinfallen! Eine gefühlte Ewigkeit später erreichen wir die mittelalterliche Abtei Roncesvalles. Es ist kurz nach halb sechs und ich bin platt aber ziemlich stolz 🙂 Und da ich wenig Lust auf einen Schlafsaal mit 60 Leuten habe, gönnen wir uns zur Belohnung ein nettes Hotel mit luxuriösem Appartement (war das einzig freie Zimmer!), einem leckeren Abendessen und einer erholsamen Nacht.
Jetzt geht’s weiter! Mit großer Vorfreude auf all das, was auf mich wartet. Bis bald! Buen camino!

05.09.2017
Ihr Lieben,
meine zweite Woche hat begonnen. Knapp 150 km liegen jetzt hinter mir. So langsam ist ein Pilger aus mir geworden. Mein Gang hat sich entschleunigt, mein Atem fließt im Rhythmus meiner Schritte, die Stöcke in meinen Händen bilden ein zweites Paar Beine, mein Gepäck – der Rucksack und die Bauchtasche – fühlen sich schon an wie Teile meines Körpers, meine Gedanken haben Raum und Zeit zu fliegen, immer wieder bin ich überwältigt – ja, ergriffen von der Schönheit der Landschaft, der Idylle der kleinen und größeren Ortschaften und ich bin so voller Dankbarkeit für diese Zeit.
Der Weg entwickelt eine Anziehungskraft, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Und jeden Tag hält er ein neues Thema für mich bereit. Vertrauen, sich lösen von Erwartungen, Schmerz und Trauer, Freiheit und Bindung, Knie!, Loslassen und Überwinden, Einsamkeit und Gemeinschaft, Sorge, Hoffnung. Das wird sicher noch so weiter gehen und ich bin sehr gespannt darauf.
Bisher war es mir wichtig, alleine zu gehen. Begegnungen bleiben natürlich trotzdem nicht aus. Gut so! So hat Silke am zweiten Tag Agnes aufgegabelt, eine 65jährige, die mit Phoebe und Zora unterwegs ist. Die beiden 6 und 5 Jahre alt und … Russky Toy Terrier 🙂 Wenn ihr diese Hundrasse kennt (oder sie googelt), werdet ihr vielleicht verstehen, dass ich eigentlich kein Fan davon bin… Aber! Ich kannte ja bis dahin Phoebe und Zora nicht. Diese beiden sind der Hammer! Und so habe ich dann die dritte Nacht sowohl mit Silke und Agnes, als auch mit Phoebe und Zora in einer hundefreundlichen Albergue mit einem begnadeten Jungkoch (das nur nebenbei) verbracht. Ich habe größte Hochachtung vor Agnes. Sie will den ganzen Weg gehen und wo dieses Abenteuer schon uns als Einzelkämpfer manchmal herausfordert, da ist es für Agnes mindestens nochmal so schwierig. Nicht nur für sich zu sorgen, sondern auch für die zwei, die Futter und Wasser brauchen, ab und zu getragen werden müssen, wenn der Weg zu heiß oder steinig wird, die ebenfalls Fußpflege benötigen; nicht überall einkehren zu können – sowohl bei Bars als auch bei Herbergen ist Agnes wesentlich eingeschränkter als wir. Sie schleppt 11 Kilo auf dem Rücken (inkl. Zelt) und 5 Kilo nochmal vorne in der Bauchtasche. Wahnsinn! Aber sie wird es schaffen, da bin ich mir sicher.
Und von Ramon aus Australien muss ich noch erzählen. Er ist hier mit seiner 14jährigen Tochter Aurora. Ich sah sie zuerst in der Kathedrale in Pamplona und dachte, okay, das sind Touristen. Denn: Aurora ist körperlich und geistig behindert. Sie sitzt in einem selbstgebauten, länglichen, dreirädrigen Wagen, den Ramon vor sich herschiebt. Am nächsten Tag traf ich sie auf dem Weg! Ramon will kein Held sein, sich nichts beweisen, sondern sieht das Ganze als Challenge und macht es, um mit Aurora gemeinsam etwas zu unternehmen und Spaß zu haben. Aber er ist ein Held! Wo wir uns mühsam einen Berg hochschleppen, keucht er vor Anstrengung und bleibt alle paar Meter stehen, um Atem zu holen. Wo wir bei steinigen Abstiegen vorsichtig Fuß vor Fuß setzen, da dreht er den Wagen und zieht ihn rückwärts den Abhang runter, nicht ohne Aurora beruhigen zu müssen, die vor Angst schreit. Doch Ramon ist stark und zäh, er wird es schaffen. Für dich und seine Tochter. Denn Aurora saugt mit ihren großen, neugierigen Augen alles um sich herum auf; die Freude ist ihr anzumerken, auch wenn sie sie nicht äußern kann.
Zusammen mit Silke und Agnes hatte ich am Freitag mit Pamplona die erste große Stadt erreicht und ich war begeistert! Dort habe ich mich von Silke verabschiedet, die weiter wollte, während ich eine Pause einlegen musste, da sich mein Knie schmerzhaft bemerkbar machte. Voller Bangen verbrachte ich die Nacht, versorgt allerdings von Agnes mit Arnika, Rhus Tox, Voltaren (Salbe und Tabletten!), ihrer Teufelssalbe und obendrauf noch (m)einer Bandage. Und wie durch ein Wunder konnte ich am nächsten Tag laufen. Dem Herrn sei Dank!!! Zwar tun beide Knie quasi bei so gut wie jedem Schritt weh, aber nur ein bisschen 🙂 Ich komme voran (siehe Kilometerangabe oben!) und auch noch weiter!
Nach Pamplona, genauer seit dem Pass Puerto del Perdón, hat sich die Landschaft verändert. Hier ist es viel trockener als in den Pyrenäen, obwohl es immer noch bergig ist. Es gibt keine Buchs-, Eichen- und Kiefernwälder und kein Heidekraut mehr. Dafür wachsen hier Feigen (hmmmm, lecker, so frisch vom Baum!!), Mandeln, Oliven und Wein (die süßesten Trauben, die ich je gegessen habe!). Die Sonne hat mich schon etwas verbrannt und irgendwann habe ich dann doch den Hut aus den Tiefen des Rucksacks hervorgekramt. Mit ist eindeutig besser! (Ja, Dinah! Du hattest so Recht!! Ich liiiebe meine Stöcke und den Hut inzwischen auch 😀)
So ziehe ich weiter unter der Sonne Spaniens. Werde morgen ins Rioja kommen – mmmhhh! Ich trink ein Glas auf euch (oder auch zwei) – Salud!

18.09.2017
Ihr Lieben!
Wenn ich heute die ersten Kilometer gegangen bin, habe ich die Hälfte des Weges erreicht. Unglaublich! Dass ich schon 400 Kilometer gelaufen bin, ist mir selber ein Rätsel. Dabei war es gar nicht schwer, sondern ganz einfach. Man muss immer nur einen Fuß vor den anderen setzen, ruhig und beständig, so kommt man ans Ziel. Auch wenn zu Beginn der Weg noch übermächtig schien, die Strecke zu lang, der Berg zu hoch, der Pfad zu steinig, die Sonne zu heiß, das Ziel in unerreichbarer Ferne – so reicht es aus, einfach nur zu starten. Das ist das ganze Geheimnis: anfangen! Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, Ort für Ort, Tag für Tag.
Für mich ist es auch die Entdeckung der Langsamkeit! Ich, die ich nie schnell genug ans Ziel kommen kann, für die jede Fahrt ein neues Wettrennen gegen die Zeit ist (aus reiner Freude, aber auch, weil die auf Straßen verbrachte Zeit reine Verschwendung für mich ist, von Staus mal ganz abgesehen) – ich lerne hier etwas ganz Neues. Langsam voranzukommen ist etwas Wohltuendes, es raubt mir keine Energie sondern gibt mir neue. Ich komme zum Luftholen, Freiatmen, Überdenken, Meditieren, Fragen stellen und Antworten finden…
Beim Blick über die Schulter zurück wird mir bewusst, wie weit ich schon vorangekommen bin, wie viel ich schon geschafft habe. Und mit Erstaunen, Freude, ja, auch Stolz und neuer Motivation schaue ich wieder nach vorne und gehe weiter. Voll Neugierde, was mich erwartet.
Denn! Es wird einem so viel geschenkt auf diesem Weg! Er ist so bunt und vielfältig und hält jeden Tag mindestens eine Überraschung bereit. Zunächst die Landschaft! So voller Klarheit und Schönheit, dass ich manchmal ganz berauscht davon bin.
Mittwoch, ein Tag voller Licht, Licht, Licht. Der Camino zieht sich durch gelbe und braune Felder, die bis zum Horizont reichen und dort, welch farblicher Kontrast, an das tiefe, klare Blau eines wolkenlosen Himmels stoßen. Es scheint eine endlose Weite unter der warmen Sonne zu sein. Lang ist der Weg und das nächste Dorf noch weit entfernt. Keine Pilger vor oder hinter mir. Ich bin allein in dieser Landschaft voller Licht – und doch auch nicht. Wind ist da – immer wieder begleitet er mich, schenkt Erfrischung, bläst meine Gedanken durcheinander und hinfort, flüstert, raunt mir zu und hüllt mich ein wie in eine Umarmung.
Donnerstag, die gleiche Natur, nur dass sie am frühen Morgen in Nebel gehüllt ist und der verhangene Himmel eine Kühle mit sich bringt, dass man lieber schneller geht, um warm zu werden und zu bleiben. Aber das Licht ist immer noch da. Irgendwann dringt es durch die Wolken und lässt die Welt leuchten. Und zuverlässig da ist auch der Wind, der mal schwächer, mal stärker weht, aber mich immer begleitet.
Ich habe die Meseta erreicht und pilgere jetzt über die nordspanische Hochebene zwischen Burgos und Léon. Ich gehe übrigens weiter die allermeiste Zeit allein. Ich liebe es! Und noch mehr, wenn man auf dem Weg nicht nur alleine geht, sondern auch alleine ist. Hier sind jetzt im Herbst eine große Anzahl von Leuten aus allen Kontinenten unterwegs und morgens sieht der Camino aus der Luft aus wie eine Ameisenstraße. Mit dem einen Unterschied, dass die Ameisen alle in dieselbe Richtung laufen und einen Rucksack auf dem Rücken tragen 🙂 Ab 14 Uhr aber haben die meisten Pilger ihr Tagesziel erreicht und sind in ihren Herbergen angelangt. Dann hat man den Weg ganz für sich. Herrlich!!
Ein weiteres Geschenk sind die Orte, durch die ich wandere. So viele, dass ich mir gar nicht alle Namen merken kann. Bezaubernde, malerische Städte und Dörfer, manche, gerade kleinere aber auch leicht verwahrlost und teilweise verwaist. In jedem Ort eine Kirche, von denen zwar viele verschlossen sind, die aber von der Bedeutung des Camino ein beeindruckendes Zeugnis ablegen und in denen man, so sie geöffnet sind, Geschichte und Geist findet. Logroño hat mich begeistert und Burgos noch mehr! Was für eine wundervolle Stadt mit einer atemberaubenden Kathedrale!
Nun ein Wort zu den Albergues, den Herbergen. Jeden Tag bin ich in einer neuen Unterkunft und wo ich abends lande, weiß ich morgens noch nicht. Spannend! Ich hab nun schon fast alles erlebt; die Albergue municipal (öffentlich), mehrere kirchliche – parochial, die private Albergue ebenso wie Hostels und auch wunderschöne Hotels. In Saint-Jean-Pied-de-Port, Zabaldika (vor Pamplona), Viana (vor Logroño), Grañon und Tosantos (beide vor Burgos) habe ich in den Albergues parochial geschlafen und vor allem in Zabaldika und Grañon eine so herzliche Aufnahme und christliche Atmosphäre gefunden, dass ich mich sofort wie zu Hause gefühlt habe. Man schläft in diesen Herbergen teilweise nur auf einfachen Gymnastikmatten, dafür aber oft direkt an oder sogar in (!) einer Kirche – echt toll!! Dazu gehört auch immer eine Messe oder Andacht sowie das gemeinschaftliche, von den Hospitaleros gekochte, einfache Dinner. Hier spürt man den besonderen Geist des Caminos, der darin besteht, dass wir alle – woher wir auch kommen und wie unterschiedlich wir sind – gemeinsam auf dieser Erde einem großen Ziel entgegenwandern …
Aber auch in den normalen Albergues kann man zum großen Teil gut übernachten. Da ist in der einen Albergue das Essen ganz besonders köstlich, in der anderen gibt es ganz neue Zimmer mit sehr komfortablen Betten, dann wieder super gepflegte und saubere Waschräume oder ein schickes Ambiente. Und manchmal fällt sogar alles zusammen! Auf jeden Fall ist es für mich eine Überraschung, festzustellen, dass die Übernachtung mit vielen (fremden) Menschen in teilweise engen und großen Schlafräumen bzw. -sälen für mich so ohne Probleme ist. Ich dusche mich in den Waschräumen (zum Glück gibt’s überall Duschkabinen!), wasche meine Kleidung und hänge sie auf, hab in der Herberge oder im Ort ein Pilgermenü (3 Gänge plus Brot, Wein, Wasser für 10 €), klettere dann in mein Hochbett und schlafe gut – trotz Schnarcher und anderer Geräusche. Und starte am Morgen als Letzte nach einem einfachen Desayunes (Frühstück).
So, ich könnte noch so viel erzählen!! Von den Menschen, die ich neu kennengelernt habe und die auch ein – großes! – Geschenk sind, dem guten Essen, das wir hier genießen, von kleinen und großen Erlebnissen – innen wie außen, von dem wunderschönen Kloster San Zoilo, das seit 15 Jahren ein Hotel ist und wo ich mir heute Nacht mit Katharina ein Zimmer geteilt habe (Luxus pur!!) und in dessen Kreuzgang ich jetzt sitze und dies hier schreibe. Aber! Ich muss bis 12 Uhr das Zimmer räumen und habe dann die längste Strecke des Camino vor mir – 18 km bis zum nächsten Ort. Und alle anderen sind schon weg. Deshalb schließe ich jetzt hier an dieser Stelle, melde mich aber wieder, wenn ihr mögt 🙂

22.09.2017
Ihr Lieben,
seit gestern bin ich in Astorga und werde hier bis morgen bleiben. Ich brauche Pause, Erholung, Ruhe. In den letzten vier Tagen habe ich zweimal morgens Ibuprofen geschluckt, damit ich laufen kann und den Tag übersteh. Das kann’s ja nicht sein. Aber mein Körper, insbesondere meine Beine (das linke mehr als das rechte) und mein unterer Rücken schreien in einem Fort, so dass ich mich nur mit Mühe und langsam oder halt unter Droge vorwärts bewegen kann. Ursache für die Schmerzen in meinem linken Bein war wohl der Sturz in Fromista. Ähm, ja, ich bin gefallen – und zwar ziemlich unsanft auf meinen Allerwertesten… Weil ich nämlich die bedeutendste Kirche des Camino ganz auf’s Foto bekommen wollte (die Kirche ist von 1066 und auf dem 10 €-Schein abgebildet). Also ging ich rückwärts, natürlich ohne mich umzusehen. Es war aber auch wirklich ein großer Platz!! Ganz frei! Naja, bis auf eine Kante hinter mir… Und auch mein Schreien konnte den Sturz nicht verhindern. Auf dem Foto, das mein Handy im Fallen machte, waren statt der Kirche die Füße von Jovir, einem Brasilianer, drauf, der mich besorgt fragte, ob alles in Ordnung sei (NEIN! war es nicht!!) und mir wieder hoch half.
Wie auch immer, seitdem tut es weh. Also habe ich jetzt erstmals einen ganzen Tag ohne Belastung. Ich sitze in der Bibliothek meines unglaublichen Hotels La Casa de Tepa, wo die Atmosphäre (ähnlich eines englischen Herrenhauses) und vor allem Juan, der gut 70jährige Besitzer und die Seele dieses Hauses, mich wie im Himmel fühlen lassen. (Gestern Abend hatte ich nach dem Dinner noch Jap auf etwas Süßes, konnte aber nichts mehr kaufen, da schon alle Geschäfte geschlossen hatten. Was aber fand ich nach der Rückkehr ins Zimmer auf meinem Bett? Eine Schale mit sieben großen Lindor Kugeln!!! Und heute Mittag standen zwei Rosentöpfchen auf meiner Kommode!!!)
So sehr ich die Albergues mag und dort auch gerne und gut schlafe (wirklich! .. okay, es gibt ein ganz paar Ausnahmen), was für ein Genuss ist es doch, ein stilvolles Zimmer für sich ganz alleine zu haben – mit großem Badezimmer und einer Badewanne!! Wie sehr schätze ich jetzt diesen Komfort und Luxus! War er bisher immer selbstverständlich, so bin ich nun sehr bewusst dankbar..
Hinter mir liegen aber nicht nur Tage, in denen das Laufen schwierig war. Sondern auch Tage voller Geschenke: fröhliche Wandergemeinschaften, stille Momente mit tiefen Erfahrungen, geteilte Freuden, besondere Begegnungen, wertvolle Erkenntnisse, die Schönheiten der Natur und besonders von León.
Dort war ich von Dienstag auf Mittwoch. Wieder eine Stadt, die mich total begeistert! Nach Burgos hatte ich nicht mit einer Steigerung gerechnet, aber doch. Geschäftiges Treiben in den kleinen, verwinkelten Gassen mit den hübschen, bunten Fassaden der Häuser, überall dazwischen entzückende Plätze mit unzähligen Restaurants, Cafeterias, Bars und natürlich vielen Kirchen, allen voran die beeindruckende Kathedrale mit ihren wunderschönen, kunstvollen Mosaikfenstern, aber auch San Isidoro mit ihrer kühler Ruhe oder das Kloster San Marco, in dem man luxuriös übernachten kann, da es ein Parador Hotel ist. Das Schönste an León waren aber die Stunden intensiven Austausches mit Andrea, meiner wertvollsten Caminobegegnung. Andrea ist in meinem Alter, aus München und im Mai von ihrer Haustür aus losgepilgert. Aber nicht dies macht sie für mich besonders, sondern eine sofort und gegenseitig empfundene Seelenverwandtschaft. Und wenn Gott es so will, dann werden wir zeitgleich in Santiago sein.
Gott… Da habe ich doch Anfang dieser Woche in Bercianos eine wirklich wichtige Lehre erhalten. In Bercianos war – wieder mal – eine Albergue parochial, wo ich übernachtet habe und die besonders herzliche Gemeinschaft und die christliche Atmosphäre erleben durfte. Aber diesmal halt auch mehr. Nach dem Abendessen trafen sich die meisten der Gäste zu einer kleinen Andacht in dem Meditationsraum, der eigentlich der hässlichste bisher war. Wir waren bestimmt 20 Leute, die im Kreis auf Bänken und Stühlen saßen. Im Kerzenschein lasen wir zunächst in unseren Muttersprachen von ausgeteilten Zetteln ein paar Texte, ein Impuls, ein Gebet von Franz von Assisi und eine Stelle aus der Offenbarung des Johannes.
Im Anschluss an diese Texte ging eine Kerze von einem zum nächsten und jeder erzählte, teils in englisch, teils in seiner Muttersprache, was für ihn der Camino bedeutet. Was wirklich ergreifend war, denn hier teilten Menschen ihre ganz persönlichen Beweggründe und ihre tiefen Erfahrungen mit uns anderen. Und nicht wenige sprachen dabei völlig offen und selbstverständlich von Gott und ihrem Glauben. Darunter auch Luisa, eine 19jährige aus Wuppertal. Sie erzählte von ihrer Gotteserfahrung bei der Überquerung der Pyrenäen. Und ich dachte nur „Wow!“ und … „Warum trau ich mich eigentlich nicht, darüber zu reden?“
Denn für mich ist dieser Weg vor allem auch ein Weg mit Gott. Ganz intensiv erlebe ich seine Nähe, seine Liebe, seine Hilfe. Es ist fast eine Art Glaubensschule, durch die ich hier gehe. Wenn ich in meiner letzten Nachricht geschrieben habe, dass ich nicht allein bin, dass der Wind mich immer begleitet, dann kann ich heute schreiben, dass ich in diesem Wind Gott erlebe. Und in dem Licht überall ist er auch, in der Schönheit der Natur und ebenso in den Menschen, denen ich hier begegne. Dankbar für das, was er mir bisher zeigt und zusagt, bin ich aber auch fast neugierig und gespannt auf alles, was er noch für mich bereit hält. Es wird mich bereichern und wachsen lassen, davon bin ich überzeugt!
ULTREÏA e SUSEÏA – weiter und höher!
Alles Liebe!

29.09.2017
Ihr Lieben,
heute vor einem Monat bin ich in den Pyrenäen gestartet. Und genau wie „damals“ ist heute Gipfelstürmen angesagt. Meine erste Pause habe ich gerade in La Faba, einem Ort in den Monte de Brieza, die Castilia y León von Galicien trennen. 900 Höhenmeter sind natürlich ein Klacks zu den Pyrenäen 🙂 Aber immerhin, ich bin schon einmal durchgeschwitzt …
Wie ihr unschwer merkt, geht mein Camino weiter. Und zwar in wunderbarer körperlicher Verfassung; ich würde sagen, so gut wie bisher noch nicht! Eure guten Wünsche, der erholsame Tag in Astorga, aber noch mehr die darauf folgenden drei einzigartigen Tage in dem Benediktinerkloster San Salvador de Monte Irago in Rabanal del Camino haben mich wieder komplett hergestellt. Aber davon erzähl ich euch gleich, wenn ich zwei Dörfer weiter in O Cebreiro bin, also schon in Galizien!
[Zwei Stunden später] So, nun sitze ich hier in der Sonne an die Kirche Santa Maria gelehnt. Würde ja auch gerne reingehen, aber sie ist, wie fast alle kleineren Kirchen, über die Mittagszeit geschlossen. Weil sie aber im Jahr 836 gebaut wurde und damit die älteste Kirche des Jakobsweges ist, habe ich jetzt bis 15 Uhr Zeit, euch zu berichten, und dann werde ich in die Kirche gehen.
Letzten Freitag in Astorga war ab Mittags auch Andrea eingetroffen und wir haben zusammen einen wunderschönen, entspannten Tag mit Besichtigungen der Kathedrale und des Bischofspalastes (erbaut von Gaudí) sowie weiterer Kirchen und natürlich dem ausgiebigem Genuss der astorgischen Küche bzw von Schokolade aus Astorga erlebt. Und dabei beschlossen, zusammen weiter zu gehen. Und zwar in ein Kloster, von dem Andrea mir schon in León erzählt hatte. Dieses Kloster in Rabanal erreicht man auf der Etappe hinter Astorga. Als geistliches Zentrum bietet es Pilgern die Möglichkeit, die klösterliche Gastfreundschaft zu erleben sowie am Leben der Mönche und am klösterlichen Stillschweigen teilzunehmen. Ich war sofort Feuer und Flamme. Dies hatte ich zwar weder gewusst noch geplant, aber etwas Besseres konnte mir nicht passieren.
Und so pilgerten Andrea und ich am Samstag nach Rabanal. Es war das erste Mal seit Saint Jean, dass ich bewusst mit jemandem zusammen ging. Meine Sorge wegen meiner Beine war unbegründet. Der Tag Ruhe hatte Wunder gewirkt – ich war wie neu 🙂 In Rabanal angekommen machte uns aber doch erstmal tatsächlich keiner auf, als wir an der Klostertür klingelten. Andrea meinte, sie würde sich – wie in japanischen Klöstern üblich – solange vor die Tür legen, bis wir aufgenommen werden würden. Was aber zum Glück nicht nötig war. Pater Pius hatte irgendwann sein Gespräch beendet, hieß uns herzlich willkommen und wies uns zwei Betten im Gästehaus des Klosters zu. Welch ein Luxus dort! Nicht so einer wie in meinem Traumhotel in Astorga, sondern anderer Art. Wir teilten uns einen sauberen 10-Betten-Schlafraum mit Stella aus Südkorea und John aus Kanada. Aus dem Schlafraum ging’s raus auf einen großen Balkon, von dem eine Treppe in den grünen Innenhof führte. Supersauberer Waschraum, eine Bibliothek, ein Meditationsraum, ein Saal mit einem Flügel, eine Küche für Breakfast und Dinner – alles in allem ein Refugium zum Wohlfühlen.
Und dann die Kirche! Bestimmt die am Wenigsten Instand gesetzte des Camino (in der Apsis, direkt neben der Jesusfigur am Kreuz, füllt Bauschaum einen großen, klaffenden Riss in der Wand, der ehemals blaue Putz der Decke weißt an nicht wenigen Stellen riesige Lücken auf), aber so schön! Ich hab mich sofort angekommen gefühlt. Und die Kirche wurde in den nächsten drei Tagen unser Zuhause. Laudes um 7:30 Uhr, Messe um 9 Uhr, Vesper um 19 Uhr und Complet um 21:30 Uhr beteten und sangen wir mit den drei Patern Javier (Spanien), Pius (Deutschland) und Clemens (Südkorea) und auch immer weiteren Pilgern, die sich gerade im Ort aufhielten. In die meistens lateinisch, aber auch spanisch von den Mönchen gesungenen Gebete, Psalmen und Hymnen konnten wir dank Textblättern bald mit einstimmen. Wie eindrücklich tief so ein Gebet dadurch wird…
Mindestens genauso eindrücklich waren die Mittagessen im kleinen Speiseraum des Klosters. Nie werde ich sie vergessen! Diese Mahlzeiten werden in Stille eingenommen. Zu Beginn wird gebetet, dann liest Pater Pius aus der Bibel, bis irgendwann Pater Javier mit einem Holzklotz auf den Tisch klopft und damit das Zeichen zum Hinsetzen gibt. Dann rauscht er in die Küche und serviert die Vorspeise, während Pater Pius inzwischen den Text beendet hat und eine CD mit klassischer Musik abspielt. Und so umhüllt von Mendelssohns Klavierkonzerten widmen wir uns schweigend all den Köstlichkeiten, die Pater Javier nicht nur serviert, sondern auch selber gekocht hat. Ein Begnadeter! Ich will hier nur die Ochsenbäckchen an einer Sauce au Chocolat (südamerikanisches Rezept) erwähnen, die wir am Sonntag essen durften – wow! Aber wie köstlich es auch war, diese besondere Stimmung, das bewusste Essen, die Möglichkeit, dabei ganz bei sich zu sein, ist es, was so nachdrücklich wirkt.
Die Zeiten zwischen den Gebeten und den Mahlzeiten habe ich vorwiegend im Garten des Klosters verbracht, der ganz öffentlich vor der Kirche liegt. Dort habe ich mein Camino-Tagebuch vervollständigt und die schon vergangenen Tage dieses Weges noch einmal in der Rückschau aufgearbeitet. Für meinen Körper, aber noch mehr für meine Seele waren diese Tage von größter Bedeutung. Auf der Website des Klosters habe ich diesen Text des Heiligen Anselm gefunden, der so gut ausdrückt – besser als ich es vermag, was ich hier gefunden habe:
Oh Mensch, … Lass für einen Moment deine alltäglichen Sorgen; kehre wenigstens für einen Augenblick bei dir selber ein – und vergiss den Aufruhr deiner Gedanken. Wirf sie weit weg, die ermüdenden Sorgen, löse dich von deiner so aufreibenden Unruhe. Für einen Moment suche Gott und ruhe dich – wenn auch nur ein wenig – in seinem Schoss aus. Tritt ein in das Heiligtum deiner Seele. Ziehe dich von allem zurück, außer von Gott und von dem, was dich hindert, zu ihm zu gelangen. Suche ihn im Schweigen deiner Einsamkeit.
Der Abschied am Dienstagmorgen von Javier und Pius:

06.10.2017
Seitdem sind Andrea und ich am Cruz de Ferro vorbei nach Ponferrada gepilgert und nun hier in O Cebreiro nur noch 160 Kilometer vor Santiago de Compostela. Das heißt, Andrea ist vorhin schon vorausgegangenen in unsere heutige Unterkunft, 12 km von hier entfernt. Ich schau mir jetzt die Kirche an – es ist schon fast vier Uhr (puh, die Zeit verfliegt leider immer so schnell!) – und dann mach ich mich endlich auf den Weg. Wieder mal hab ich das Gefühl, nur einen Bruchteil von dem erzählt zu haben, was alles passiert ist. Blödes Gefühl.. Aber da ich doch Hunger hab und irgendwann heute noch vor dem Dunkelwerden ankommen will, mach ich jetzt mal Schluss. Aus. Finito. Ende 🙂
Ihr Lieben!
Alleine zu laufen ging besser (psychologisch ja auch klar, wenn man keinen neben oder vor sich hat, der mit einem 12-Kilo-Rucksack hüpfend und summend mit leichten, schnellen Schritten davonstürmt). Abgesehen davon, dass ich ja eh ganz gerne alleine mit meinen Gedanken unterwegs bin… Und dann passierte ich auf dem Weg irgendwann die 20-Kilometer-Marke und in meinem Kopf tauchte aus der Tiefe der Gedanke auf: Heute Santiago…?!?!?!!!
Ab da hatte es mich gepackt. Alle Schmerzen waren weg, ich überholte sämtliche Pilger, rannte fast die Hügel hoch und runter, die Kilometer schmolzen einer nach dem anderen dahin – es war wie Fliegen! Und das Schönste: Ich hatte irgendwann gegen 14 Uhr den Weg so gut wie alleine für mich! Keine Pilger mehr! Meine lauten Freudenschreie hat daher niemand gehört und auch mein Tanzen auf dem Weg hat keiner gesehen 🙂
An einer Stelle passierte ich einen großen Hinweisstein, auf dem der Schriftzug Santiago und eine Muschel und ein Pilgerstab in den Stein gehauen sind. Ich schaute auf die Karte meiner Buen Camino App und! In dem Ausschnitt meines Standortes (blauer Punkt = ich) erschien am linken Bildrand die Stadt Santiago de Compostela! Es war schier überwältigend… So viele Male hatte ich mit der Karte meinen Standort überprüft. Immer war der blaue Punkt auf dem gelben Weg, dem Camino, aber nur wenn man den Kartenausschnitt verkleinerte, konnte ich mein Ziel sehen. Nun! Der blaue Punkt und Santiago gemeinsam im Bild!
Ich verkleinerte den Ausschnitt und sah den ganzen Weg. Angefangen bei Saint-Jean zieht sich der gelbe Weg durch das nördliche Spanien. Das bin ich alles gegangen. Durch jeden einzelnen Ort bin ich gekommen, mit so vielen sind Erinnerungen verbunden, in so vielen Kirchen habe ich gesessen und gebetet, Kerzen entzündet, gestaunt, der ganze Staub der Wälder, Dörfer, Städte, der Meseta und der Berge hängt in meinen Schuhen, die ganze Zeit hab ich meinen Rucksack geschleppt, so viele Kilometer waren mühsam und schmerzhaft, so viele Wochen bin ich jetzt unterwegs, das alles habe ich wirklich gemacht….. Hier, an diesem Stein, war definitiv mein Monte do Gozo, mein Berg der Freude – und der Tränen!
Es war, als ob mich die Stadt magnetisch anzog. Die verbleibenden 12 Kilometer waren nur noch ein Katzensprung. Vorbei an Lavacolla, an San Marcos, am Monte do Gozo, wo Andrea schon angekommen war. Und dann, das erste Mal, der Blick auf die Stadt, auf mein Ziel. Da lag sie im Abendsonnenschein. Eine Kathedrale nicht in Sicht – okay, egal, weiter. Meine App zeigte den Weg geradeaus an, die Schilder an der Straße allerdings nach links. Hm, erst ging ich links, dann kehrte ich um, um dann doch wieder zurück nach links durch den Park Monte do Gozo zu gehen und dann Richtung Stadt.
Eigentlich nur noch 4 Kilometer! Ein Klacks. Aber da ich das Gefühl hatte, einen Umweg zu gehen (was es auch definitiv war!), erschien mir der Weg in die Stadt rein schier endlos! Ich hatte vorher schon ausgerechnet, dass ich es rechtzeitig zur Messe um 19 Uhr schaffen kann. Nun aber rannte der Uhrzeiger auf 19 Uhr zu und ich im Gegensatz hatte das Gefühl, nicht voranzukommen. Okay, dann würde es hoffentlich zur Kommunion reichen .. Irgendwann bog der Camino endlich nach links in die Altstadt ab. Und da, am Ende einer Gasse, tauchte ein Kirchturm auf! Ist sie das schon?? Weiter!
Merkwürdigerweise fehlen in Santiago komplett die vertrauten gelben Pfeile. Nur Muscheln auf dem Pflaster alle 30 Meter (wenn sie nicht herausgebrochen sind). Und so stand ich dann auf einem Platz und wusste nicht, wo es weiter geht! Fast da und kein Camino mehr – oha. Intuitiv ging ich zum Glück richtig, bog noch um eine Ecke und – da war sie!! Die Kathedrale!! 19:18 Uhr! Ein Eingang! Davor ein Mann mit Sicherheitsweste, der mir sagte, dass ich noch einmal um die Kathedrale herumlaufen müsse, dies sei der Ausgang. Okay! Auf der anderen Seite wieder ein Eingang und wieder eine Sicherheitskraft davor, der mir sagte, dass ich nicht mit Rucksack in die Kathedrale dürfte – aaahhhh!! Aber gleich, nur 20 Meter entfernt, war ein Shop, wo ich meinen Rucksack abgeben konnte. Um 19:27 Uhr betrat ich die Kathedrale, total erschöpft, aber realisierend, dass die Messe noch nicht angefangen hatte, sondern erst um 19:30 Uhr beginnt!! Und so ließ ich mich mühsam auf dem Sockel der vorderen, rechten Säule nieder (alle Bänke waren voll!!) und… siehe oben!
Noch nie habe ich eine Messe so tief gefeiert. Es war der Feiertag des Heiligen Franziskus – als ob es noch eines weiteren Zeichens bedurft hätte .. Besonders berührt hat mich der Gesang einer Ordensschwester, die alle Lieder – mit Orgelbegleitung – vorgesungen hat und deren Stimme wie die eines Engels klingt! (Wirklich! Das habe ich gestern, als ich sie noch zweimal gehört habe, immer noch gedacht!)
Und um noch ein Extra draufzusetzen, wurde am Ende der Messe der Botafumiero, das riesige Weihrauchgefäss, das – an einem langen Seil über dem Altarraum von der Decke hängend – zu den markantesten Symbolen der Kathedrale von Santiago de Compostela gehört und eigentlich nur an besonderen Feiertagen und freitags zur Abendmesse zum Einsatz kommt, geschwungen. Dafür sind acht Männer nötig, die an dem Seil ziehen und das Gefäß zum Schwingen bringen, so dass es durch das ganze Querschiff über den Köpfen der Menschen bis hinauf zu den Deckengewölben schwingt. Schon beeindruckend, auch wenn es ein bisschen nach Show riecht. Okay, und nach Weihrauch 🙂
Nach der Messe bin ich nur noch in mein Hotelzimmer gestolpert, das ich in Lavacolla gebucht hatte und das zum Glück nur zwei Minuten von der Kathedrale entfernt war. Gestern der Tag war ausschließlich zum Ausruhen und Seele baumeln lassen (mit Andrea, die morgens angekommen war). Und heute hab ich nun endlich die Muße, euch von dieser meiner letzten Etappe zu erzählen. Dieses Erzählen, Erinnern, Reflektieren, Schreiben hat mir übrigens immer viel Freude gemacht. Es war mindestens genauso für mich wie für euch – wahrscheinlich sogar etwas mehr für mich 🙂 Ich danke euch für eure Begleitung, eure lieben Wünsche, eure Gedanken und eure Unterstützung!! Und ich freue mich auf euch! Auch wenn mir der Abschied von dieser besonderen Zeit sehr schwer fallen wird…
DANKE


